PREMIERE: Nora entdeckt den Tiger in sich

Die Komödie «Die göttliche Ordnung» von Petra Volpe hat die 52. Solothurner Filmtage eröffnet. Es hätte keinen trefflicheren Ort und Anlass geben können für die charmante Politkomödie.

Andreas Stock
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Das Frauenstimmrecht wirbelt ein Dorf auf: Szene aus «Die göttliche Ordnung» mit Marie Leuenberger und Max Simonischek. (Bild: Filmcoopi)

Das Frauenstimmrecht wirbelt ein Dorf auf: Szene aus «Die göttliche Ordnung» mit Marie Leuenberger und Max Simonischek. (Bild: Filmcoopi)

Andreas Stock

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@tagblatt.ch

«Diese Gleichmacherei ist wider die Natur», wettert die arrogante Firmeninhaberin in der dörflichen Frauenrunde. Die Emanzipation sei ein Fluch und gegen die göttliche Ordnung. Als sie das Kässeli herumreicht, damit die Frauen etwas spenden für den Wahlkampf gegen das Frauenstimmrecht, zögert Nora kurz und sagt: Nein, sie gebe nichts, sie sei für das Frauenstimmrecht. Darüber entscheide an der Urne ja dann zum Glück ihr Mann, ­erhält sie zur Antwort.

Es ist 1971 und Nora, junge Mutter von zwei Buben und mit Schreiner Hans verheiratet, hat bisher klaglos ihren Alltag ertragen: sie kümmert sich aufopfernd um ihre Familie samt Grossvater. Doch Nora (Marie Leuenberger) will nicht mehr «nur putzen und Socken waschen», wie sie Hans erklärt. Den Job in einem Reisebüro kann sie allerdings nur mit Einwilligung von Hans annehmen – und der ist dagegen. Es ist der Auslöser für Nora, sich mit den eingeschränkten Rechten und Freiheiten der Frauen zu beschäftigen – und sich zu wehren.

Sanfter Sarkasmus, zärtliche Nostalgie

Petra Volpe, Regisseurin des preisgekrönten Dramas «Traumland» und Drehbuchautorin der sehr erfolgreichen «Heidi»-Neuverfilmung, greift mit «Die göttliche Ordnung» ein wichtiges Stück Schweizer Geschichte auf, das lange auf einen Kinospielfilm warten musste: die Volksabstimmung über das Schweizer Frauenstimmrecht. Volpe macht daraus eine amüsante Politkomödie aus der Perspektive einer Hausfrau, die mit den Frauenrechten auch sich selbst entdeckt – und das geht bis unter die Haut: «Ich habe einen Tiger zwischen den Beinen», sagt sie dem perplexen Hans, nachdem sie in Zürich an einer Demo sowie einem Workshop über die weibliche Sexualität teilgenommen hat.

Die Diskrepanz zwischen den gesellschaftlichen und politischen Aufbrüchen jener Zeit in der Welt (Friedensbewegung, Black Power, sexuelle Revolution) und den miefig-konservativen Verkrustungen in der Schweiz werden zu Beginn vor Augen ­geführt. Die Milieu- und Zeitbeschreibung geschieht mit einem Schuss Nostalgie und sanftem Sarkasmus, meidet aber die Karikatur. Überhaupt gehören die liebevolle Figurenzeichnung und witzige Dialoge zur Qualität des Drehbuchs. Und den Schauspielerinnen und Schauspielern, Max Simonischek als Hans sowie Sibylle Brunner, Bettina Stucky, Rachel Braunschweig und Marta Zoffoli in weiteren Rollen, folgt man mit Empathie.

Vor knapp einem Jahr wurde der Film im Appenzellerland gedreht. Hauptdrehort war Trogen, weitere Aufnahmen fanden unter anderem in Herisau, Heiden, Rehetobel und Gais statt. Kamerafrau Judith Kaufmann fängt die winterliche Landschaft einnehmend ein. Das Appenzellerland habe man vor allem aus visuellen Gründen gewählt, sagt Petra Volpe. Man sieht auf einem Briefpapier den Ort Herisau und AR-Autonummern, ansonsten wird auf eine Verortung verzichtet. Gesprochen wird im Dialektfilm nicht Ausserrhoder Mundart, sondern ein sankt-gallisch-ostschweizerisches Gemisch.

«Frauen haben heute Abend die Hosen an»

Bundesrätin Simonetta Sommaruga nahm das Thema des Films von Petra Volpe in ihrer Eröffnungsrede auf: Damals wäre unvorstellbar gewesen, was heute Fakt sei: «Heute Abend haben die Frauen die Hosen an.» Seraina Rohrer ist die Direktorin der Filmtage, Christine Beerli die Präsidentin der Filmtage-Gesellschaft (die mit dieser Ausgabe nach zwölf Jahren zurücktritt), und der Eröffnungsfilm stammt von einer Regisseurin. Doch die Bundesrätin erinnerte auch daran, dass die Frauen noch immer durchschnittlich 9 Prozent weniger als die Männer verdienten.

Am Ende der Vorführung wurden Regisseurin Petra Volpe und ihre anwesende Crew vom Publikum so euphorisch ­beklatscht wie seit langem kein Eröffnungsfilm in Solothurn.

«Die göttliche Ordnung» startet am 9. März in den Kinos