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PREMIERE: «Dem Studer platzt der Schädel»

Im Theater St. Gallen macht Christina Rast aus Friedrich Glausers Krimi «Matto regiert» äusserst bildstark ein mitreissendes albtraumhaftes Tableau – und bringt den Sog des Romans voll auf die Bühne.
Hansruedi Kugler
Die Verwirrung, Einschüchterung und Zerbrechlichkeit steht Wachtmeister Studer (Hansjürg Müller) ins Gesicht geschrieben. (Bild: Iko Freese)

Die Verwirrung, Einschüchterung und Zerbrechlichkeit steht Wachtmeister Studer (Hansjürg Müller) ins Gesicht geschrieben. (Bild: Iko Freese)

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler

@tagblatt.ch

Nach zwei Stunden sagt man: Wow, was für ein genialer Roman war das doch! Und: Wow, der Glauser hat ja Dürrenmatt mit dessen grotesken, bitterbösen, zeitkritischen Szenerien vorweggenommen – und ja, vielleicht sogar noch übertroffen! Weil Glauser die «Fäulnis hinter den Kulissen», wie es Peter von Matt mal ausgedrückt hat, mit eigenem Leib erfahren hat. Dann geht der Dank für diese Begeisterung an die Inszenierung. Die Regie hat diesen Roman im Kern erfasst und so ins Bild gesetzt, dass dessen Kraft, Spannung und Tiefe auf der Bühne greifbar werden.Dann kann man getrost die rührselig verkitschte und inhaltlich verharmloste Verfilmung aus dem Jahr 1947 mit Heinrich Gretler, die immer wieder im Fernsehen läuft, endlich vergessen.

Im Theater St. Gallen tanzen Pfleger, Ärzte und Patienten nun als irre Harlekine, verwandeln sich schminkend zu Horror-Clowns, schieben wie Schlafwandler im Blitzlichtgewitter Totenbahren über die Bühne und setzen den komplett verwirrten Wachtmeister Studer gar in die therapeutische Badewanne. Studer wurde per riesigem Telefon in die Irrenanstalt Randlingen gerufen. Hodlers Alpenbilder umrahmen die Bühne, Gazevorhänge verbergen und enthüllen das Innere der Anstalt. Für den Polizisten wird die Ermittlung in Sachen toter Direktor und entflohenem Patienten Pieterlen allmählich zum Horrortrip. Dem bärbeissigen Berner (wunderbar zurückhaltend gespielt von Hansjürg Müller) platzt darüber fast der Schädel: «Dieses Lächeln, dieses verdammte Maskenlächeln.» Und meint damit den zwielichtigen Anstaltsarzt Laduner (Marcus Schäfer beherrscht das Doppelbödige perfekt). Laduner tritt als sportlich-agiler Modernisierer auf, der wie ein Vertreter der humanistischen Psychologie von stärkenorientierter Therapie redet, der aber hinter maskenhaftem Lächeln eine düstere Seite verbirgt.

Schäfer macht mit einem Funkeln in den Augen klar: Mit seiner brachialen Typhus-Therapie-Methode ist er ein eiskalter Technokrat und auch ein wenig Doktor Frankenstein. Und findet eine tolle Birgit Bücker als Frau Laduner, die sentimentale Lieder singt, aber den rabiaten Karrierismus des Gatten unterstützt. Und ihr Baby schreien lässt, weil das die Erziehungsmethode so verlangt. Kein Wunder gerät Studer ob all der Doppelspielerei aus dem Takt. Wie sich Personal und Patienten im Verlauf der knapp zwei Stunden «Matto regiert» äusserlich und vom Verhalten immer mehr angleichen, wie das Stück allmählich vom Realismus ins Albtraumhafte übergeht, ist grossartig gemacht, mit Schwung und steigender Dramatik.

Hier führen alle mit Masken Studer an der Nase herum

Matto also, der böse Geist des Wahnsinns, regiert in dieser revueartigen Inszenierung deutlich. Die schrille Künstlichkeit der Figurenzeichnung mag einem gar überdeutlich vorkommen. Sie ist aber ein Merkmal der Intendanz von Jonas Knecht – und funktioniert nicht immer. In «Hungaricum» lief sie ins Leere. In «Die Räuber» erschöpfte sie sich in Langatmigkeit. In «Matto regiert» allerdings, in der Regie von Christina Rast, ist das Puppenhafte der Figuren der passende Ausdruck. Auch wenn man einwenden kann, dass das Elend der verrückt gewordenen Wutbürgerin Schmocker (Diana Dengler), des Kriegsversehrten Schül (Bruno Riedl) und des Kindsmörders Pieterlen (Jessica Cuna) dadurch clownesk erscheint. Doch hier spielen alle ihr Spiel, zeigen falsche Masken her (ziehen sich Schweins- und Affenmasken an), manipulieren, verschleiern, führen den Studer an der Nase herum. Angstneurosen und Schizophrenie bevölkern die Bühne.

Allmählich wird die Rivalität der Ärzte, die Einsamkeit des Direktors, die Verschuldung und die Raffgier, aber auch der akute Pflegenotstand klar (der mit fahnenschwenkendem Streik bekämpft wird). Auch wie Technokratie und Ideologie in Barbarei kippen können. Dies hat Glauser in den 1930er-Jahren hellsichtig gespürt und lässt Hitler aus dem Radio eine Hassrede schreien. Was für ein toller, themenreicher, immer wieder aktueller Krimi! Klar: Studer hätte früh die Handverletzung des Portiers verdächtig vorkommen müssen (Mathias Albold gibt ihm mit Pokerface die nötige Portion Überheblichkeit). Dass am Ende noch mehr Tote auf der Bühne liegen, gehört zum Krimi. Und ja: Die knapp zwei Stunden funktionieren auch als Krimi sehr gut, weshalb an dieser Stelle nicht allzu viel über die richtigen und falschen Fährten und schon gar nicht der Mörder verraten werden soll.

Nächste Vorstellung: Fr. 19.30 Uhr, Theater St. Gallen

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