Porträts ukrainischer Städte

Der Russlandexperte Karl Schlögel kritisiert in «Entscheidung in Kiew – Ukrainische Lektionen» die Haltung des Westens gegenüber der Ukraine. Vor allem aber schreibt er bildhafte Porträts ukrainischer Städte.

Erika Achermann
Drucken
Teilen
Die ukrainische Stadt Charkiw. (Bild: epa/Sergey Dolzhenko)

Die ukrainische Stadt Charkiw. (Bild: epa/Sergey Dolzhenko)

«Wir wissen nicht, wie der Kampf um die Ukraine ausgehen wird», meint der Russlandkenner Karl Schlögel und schreibt hinein in dieses Unwissen, um sich und dem Leser die Ukraine näherzubringen. Denn selbst er, der seit Jahrzehnten ohne Polemik, aber kritisch in mehreren Büchern über die Sowjetunion und Russland berichtete, wurde überrascht von der Annexion der Krim durch Putin. Schlögel stellt sein bisheriges Russlandbild in Frage.

Der emeritierte Professor für Osteuropäische Geschichte hatte grosse Hoffnungen in Russland gesetzt, nachdem die Mauer gefallen war. «Im Raume lesen wir die Zeit» und «Grenzland Europa» sind zwei seiner wichtigen Bücher. Er hat uns darin die Länder aus dem ehemaligen Imperium in bildhaften Beschreibungen nahe gebracht, auch die ukrainischen Städte Lemberg, Czernowitz, Odessa, Jalta auf der Krim. Nach der Lektüre wollte man unbedingt dorthin fahren, sie selber kennenlernen. 2015 musste Schlögel seine Bilder für die neue Publikation ergänzen.

Kultur und Schönheit

Es ist auch diesmal keine umfassende Geschichte der Ukraine, die er vorlegt. Die hat der Schweizer Andreas Kappeler geschrieben («Kleine Geschichte der Ukraine» bei C. H. Beck München). Schlögel hat sich in den «Ukrainischen Lektionen» auf seine eigene Anschauung verlassen. Bewohner der Ukraine kommen nicht zu Wort. Aber der Russlandkenner stellt die Frage: Weshalb hat Putin die Krim annektiert? Weil es sich für Putin als einfacher erwiesen habe, «in einer präzisen Aktion die Krim zu besetzen» als das eigene Land zu modernisieren. Putin steht weiterhin im Fokus des Westens. Die Ukraine wird weniger stark wahrgenommen, obwohl Tausende Menschen in den Auseinandersetzungen getötet wurden. Auch Schlögel gesteht, es bisher versäumt zu haben, sich intensiv mit der Ukraine zu beschäftigen. Dennoch ist «Entscheidung in Kiew» ein lehrreiches Buch, denn es bringt uns Kultur und Schönheit der ukrainischen Städte in Erinnerung.

Tradition und Moderne

Czernowitz, in der Paul Celan und Rose Ausländer lebten, gibt es nicht nur in der literarischen Welt, sondern ist lebendig zwischen und hinter den alten Fassaden aus der Habsburger Monarchie. Lemberg, die Stadt von Joseph Roth, die eine treibende Kraft war bei der «Revolution der Würde» auf dem Kiewer Maidan, zuerst 2004 und dann wieder 2014, bewegt sich seither nach Westen. Das ostukrainische Charkiw ist ein Zentrum für Wissenschaft und Kultur mit 130 000 Studenten. Den Sound der Stadt liefert der junge Schriftsteller Serhij Zhadan. Schriftsteller, die wir als «russische» wahrnehmen wie Gogol, Bulgakow, Anna Achmatowa waren Ukrainer. Man lebte einst wie «Gott in Odessa» am Schwarzen Meer! Wo die Stadt Dnipropetrowsk liegt, wissen nur wenige: In der Mitte des Landes steht sie für die Moderne im Unterschied zu Kiew, die mit ihrem Höhlenkloster und der Sophienkathedrale die «ehrwürdige Tradition der alten Rus» repräsentiert. Und die Krim, die war bisher «alles, was Russland nicht war: Süden und Freiheit» als ein Teil der antiken Welt und «eine der zauberhaftesten Küsten Europas». In der Ukraine zeigt sich besonders deutlich, dass die Geschichte nicht zum Stillstand kommt.

Karl Schlögel: Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen. Hanser 2015. 302 S., Fr. 35.90

Karl Schlögel: Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen. Hanser 2015. 302 S., Fr. 35.90

Aktuelle Nachrichten