POP: «Wir sind wie Prosecco»

Goldkettchen und Falco-Pose. Seit ihrem ersten Album wird die Band Bilderbuch als Retter des österreichischen Pop gefeiert. Sänger Maurice Ernst über Häuslichkeit, Prince und Tiefstapler.

Steffen Rüth
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Maurice Ernst (links) und seine Mannen klingen auch auf ihrem zweiten Album stets sehr lässig-entspannt. (Bild: PD)

Maurice Ernst (links) und seine Mannen klingen auch auf ihrem zweiten Album stets sehr lässig-entspannt. (Bild: PD)

Interview: Steffen Rüth

focus@tagblatt.ch

Bilderbuch ist längst viel mehr als bloss eine Popband. 2005 in Kremsmünster gegründet, gilt das Quartett als Kulturgut, wie es seit Falco in Österreich keines mehr gegeben hat. Zugegeben: An ein Überalbum wie das 2015 erschienene «Schick Schock» mit Hits wie «Maschin» anzuknüpfen, ist keine leichte Übung. Doch «Magic Life» ist genauso lässig, sexy, durchdacht und leichtfüssig-anspruchsvoll, wie man es von Bilderbuch kennt.

Eure neue Single «Bungalow» hört sich krass nach Hit an. Ist euch bewusst, oder?

Schon. Die Orgel, der Beat, der Loop, das ist ein lustiges Lied, irgendwo so zwischen Rihanna und Bierzelt. Das hat Rhythmus, wie die alten Leute sagen. Ich habe ihn der Oma und dem Opa vorgespielt, die sind ein guter Gradmesser, weil Oma keine Referenzen hat und nicht weiss, wer eine Rihanna oder ein Frank Ocean ist. Und sie waren beide aus dem Häuschen.

Auf eurem Album «Schick Schock» seid ihr in den Texten noch Lamborghini gefahren. Warum reicht es auf «Bungalow» bloss für einen Skoda?

Unser erstes Album war noch mehr von der Utopie und dem Traum vom schönen Leben getragen. «Magic Life» ist melancholischer, nicht mehr so extrovertiert. Es dreht sich nicht mehr so viel um Statussymbole, sondern eher um diese Häuslichkeit, die in unserer Generation um sich greift.

Ihr spielt mit dem Grössenwahn und gleichzeitig lacht ihr darüber, oder?

Unbedingt. Wir nehmen uns schon sehr ernst und wollen etwas erreichen mit dem, was wir machen. Aber wir paaren das mit einer extremen Entspanntheit und Lässigkeit. Am Schluss sind es doch nur Songs. Auch wenn sie besser sind als die meisten anderen, die in Deutschland oder Österreich rauskommen .

Würdet ihr sagen, dass ihr den österreichischen Pop wiederbelebt habt?

In den 25 Jahren nach Falco hat es keine Popmusik aus Österreich mehr gegeben, die eine Perspektive gehabt hat – abgesehen von solchen Konstrukten wie Christina Stürmer. Uns macht stark, dass die kulturelle Grenze zu Deutschland eingestürzt ist. Wir haben der Nostalgie des Austropop endlich etwas entgegengesetzt, das gibt Selbstvertrauen. Ob wir in Berlin oder in Wien vor 3000 Leuten spielen, ist doch eh egal.

In Deutschland wirft man euch gern in einen Topf mit Wanda. Nervt das?

Nein, denn die Schere zwischen gutem Pop und kommerziellem Skihüttenpop geht wieder weiter auseinander. Wanda hat sich in eine Richtung entwickelt, die ich extrem uncharmant finde. Für so eine junge Band haben die ein grausiges Image und jetzt schon dieselben Fans wie die Toten Hosen.

«Schick Schock» war für viele das perfekte Album. War es schwierig, eines draufzusetzen?

Nein. Wir glauben an das, was wir tun. Wir sind keine Tiefstapler, die Scheitern als grosse Qualität ansehen. Wenn einem etwas gelingt, dann ist das etwas Herrliches. Vor dem Erfolg muss man sich nicht fürchten.

Der Song «Sweetlove» klingt sehr nah dran an Prince’s «Purple Rain», richtig?

Total. Wir wissen relativ viel über Musik und merken so etwas immer schnell. Normalerweise planen wir den Song dann um. Aber wir finden, in diesem Jahr dürfen wir das machen. Prince hat es verdient, dass wir kurz so klingen wie er.

David Bowie, Prince, George Michael, alle tot. Stellst du dir die Frage, was das für dich bedeutet?

Natürlich. Eine glanzvolle Generation tritt ab. Es gibt ein Vakuum, neue Leute müssen kommen. So ein Generationswechsel motiviert einen auch, bei aller Trauer macht mich das trotzig.

Was trinkt ihr, bevor ihr auf die Bühne geht?

Prosecco! Der gaukelt dir vor, etwas richtig Feines zu sein, und in Wahrheit ist es ein Brausegetränk, das man sich leisten kann. Man kann sogar sagen: Wir selbst sind der Prosecco für die Leute: spritzig, nicht nur zum Grölen, sondern auch ein bisschen zum süffisant sein.

Bilderbuch: «Magic Life», erscheint am Freitag.