POP: Blondie – frisch frisiert

Evergreens wie «Heart of Glass» und «Call Me» definierten eine Epoche. Mit ihrem neuen Album «Pollinator» schlagen Debbie Harry und Blondie einen erfrischenden Bogen zum alten Sound.

Hanspeter Künzler
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Debbie Harry: «Man weiss sofort, das ist Blondie.» (Bild: Noam Galai/Getty (New York, 28. November 2016))

Debbie Harry: «Man weiss sofort, das ist Blondie.» (Bild: Noam Galai/Getty (New York, 28. November 2016))

Hanspeter Künzler

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@tagblatt.ch

Nein, ein Comeback kann man es wahrlich nicht nennen. In der heutigen Zusammensetzung sind Blondie seit sieben Jahren beisammen. Das ist bloss ein Jahr weniger als die Urformation, die von 1978 («Denis») bis 1981 («Rapture») von Hit zu Hit eilte, ehe sie in einem weissglühenden Schauer von Drogen und persönlichen Spannungen zerstob wie ein Komet beim Aufprall auf die irdische Atmosphäre. In der Tat ist das neue Album das dritte, das in dieser Zeitspanne entstanden ist. Das wirkliche Comeback fand viel früher statt, vor zwanzig Jahren. Seither hat die Band immer wieder Tourneen unternommen und ist an grossen Festivals aufgetreten. Neue Blondie-Songs hingegen wollte, so zeigten die Hitparaden, niemand so recht hören.

Sofern die Götter des Pop-Himmels auch nur einen Fetzen von Fairness kennen, wird sich das demnächst ändern. Die Lieder auf «Pollinator» reichen in Stil und Qualität vom klassisch-eingängigen Blondie-Sound («Doom Or Destiny», «Already Naked») bis hin zum süffigen Experiment: der unwiderstehliche Ohrwurm «Love Level» vereint einen euphorischen Refrain mit einem eleganten Rap und den ­jubelnden Bläsereien einer an unsere Guggenmusiken erinnernden Truppe namens What Cheer’ Brigade.

Nach Jahren wieder gemeinsam im Studio

Die letzten zwei Alben seien am Computer entstanden, erklärt der 67-jährige Chris Stein: «Mir selber gefällt es ganz gut, daheim am Laptop zu arbeiten und Tonspuren übers Internet auszutauschen», erklärt er. «Dennoch bin ich zur Überzeugung gelangt, dass wir unbedingt zu den Wurzeln zurückkehren müssten, um uns neu inspirieren zu lassen.» So stand die Band – nebst Harry und Stein ist aus den alten Tagen noch Schlagzeuger Clem Burke dabei – seit vielen Jahren zum ersten Mal für Aufnahmen wieder gemeinsam im Studio. Mit John Congleton zog man einen Produzenten zu Rat, der noch in Windeln lag, als die dritte Blondie-Single «Rip Her To Shreds» erschien, und mit abenteuerlustigen Künstlern wie St. Vincent, John Grant und Wild Beasts gearbeitet hat. Das letzte und wichtigste Element der Verjüngungskur waren die Songs. Stein reagierte pikiert, als die Plattenfirma mit dem Vorschlag ankam, einen Song von Johnny Marr – einst Gitarrist bei den Smiths – ins Répertoire aufzunehmen: «Aber als ich ihn mir endlich anhörte, erkannte ich sofort, dass er perfekt zu uns passte. Das gab den Anstoss, andere befreundete Songschreiber um Beiträge zu bitten.»

So unterschiedliche Songschreiber wie Sia, Charli XCD, Dev Hines und David Sitek kamen der Aufforderung freudig nach. Dennoch klingen die Resultate nach Blondie und niemand sonst: «Das ist der Schlüssel für unsere Langlebigkeit», erklärt Debbie Harry: «Wir haben unseren Sound. Wir könnten das Telefonbuch spielen, und man wüsste sofort: Das ist Blondie.»

Spagat zwischen Kult und Hitparade

Vierzig Millionen Tonträger hat Blondie verkauft. Ende der 70er-Jahre gab es keine coolere Band. Mühelos schaffte die New Yorker Kombo den Spagat zwischen Kult und Hitparade. Die frühen Tage der Band sind ein klassisches Exempel dafür, wie die Popgeschichte Momente schafft, die nicht nur im Ohr hängen bleiben, sondern gesellschaftlichen Entwicklungen ein Gesicht geben, noch ehe diese richtig wahrgenommen werden. Debbie Harry hatte ihre musikalische Karriere in der Hippie-Ära mit einer Folk-Rock-Band namens Wind in the Willows begonnen. Dabei hatte sie erfahren müssen, dass die sogenannte sexuelle Revolution der 60er eine eher einseitige Macho-Sache war. Mit wenigen Ausnahmen wie Joni Mitchell, Emmylou Harris oder Laura Nyro wurden Frauen im Musikgeschäft weiterhin behandelt wie Kleiderständer. In der polysexuellen Künstlerszene des New Yorker East Village zeichnete sich aber eine Veränderung ab. Bei Frauen wie Tina Weymouth (Talking Heads) oder Patti Smith merkte man sofort, dass sie niemandem gehorchen würden ausser sich selber. Debbie Harry übersetzte diesen Geist in die Umgebung der Hitparaden. Typisch war das Cover des dritten Albums, «Parallel Lines». Mit angewinkelten Armen und in Weiss hat sie sich vor den fünf uniform in schwarze Anzüge gekleideten Herren aufgebaut.

Debbie Harry war sich ihrer Sache als intelligente Frau derart sicher, dass sie sich gar ein «sexy image» leisten konnte, ohne dass dies ihrer Glaubwürdigkeit Abbruch tun konnte. Dennoch will sie sich heute nicht als Pionie­rin verstehen: «Ich ertastete mir einen Weg, der für mich stimmte», sagt sie. «Aber darin war ich nicht allein. Es war eine Haltung, deren Moment gekommen war.» Vierzig Jahre später herrscht ein deutlich anderes Klima. Was hält sie von der derzeitigen Politik in ihrem Heimatland? Ohne ein Wort zu sagen, dreht uns Harry den Rücken zu. Sie trägt einen halfterartigen Gürtel, auf dem die Worte «Not My President» geschrieben stehen.

Blondie: Pollinator, BMG