Persönlichkeitsschutz geht vor

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Bernard Thurnheer
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Hier, wo nur eine weisse Fläche zu erkennen ist, sollte eigentlich ein Foto zu sehen sein. Es ist eines der besten, das ich je geschossen habe! Es zeigt einen etwa 40-jährigen Mann mit Brille in einem überfüllten Wagen in der Londoner U-Bahn. Die Leute stehen dicht beieinander und berühren sich, doch das kümmert ihn nicht. Mit der einen Hand klammert er sich an einem der von der Decke herunterbaumelnden Griffe fest, mit der anderen hält er ein Buch und liest darin. Er scheint gerade an einer besonders spannenden Stelle angekommen zu sein, der Gesichtsausdruck ist nicht zu beschreiben, deshalb wollte ich ja das Foto zeigen, hier an dieser Stelle und früher sogar einmal in einem Buch. Erstaunen, Entsetzen, der Wunsch, zu wissen, wie es weitergeht, all dies spiegelt sich im Gesicht und in der Körperspannung des Mannes. Der amerikanische Thriller­autor John Grisham hätte bestimmt seine Freude an diesem Bild. So stark vermag seine Story also den Leser in seinen Bann zu ziehen. Das Foto entstand in der Rush-Hour irgendwo auf dem weiten U-Bahn-Netz der Stadt London. Ich musste einfach meinen Apparat schnell zücken und abdrücken.

Krimi und London, das passt für mich ohnehin sehr gut zusammen. Als ich in meinen Teenager-Jahren Krimifan wurde, war Edgar Wallace der berühmteste Autor dieses Genres, und seine Geschichten spielten hauptsächlich in der britischen Hauptstadt oder ihrer näheren Umgebung. «Es ist unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein», hiess es jeweils auf der ersten Seite all seiner Bücher.

Kommen wir nun zu den heutigen, vielleicht nicht gerade kriminellen, aber sicherlich illegalen Taten. Ich habe diesen Herrn also fotografiert, natürlich ohne ihn vorher zu fragen, denn dann wäre ja die spannungsvolle Atmosphäre dahin gewesen. Ich habe ihn aber so gut erkennbar und so zentral und gross ins Bild gerückt, dass ich ihn zumindest nachträglich um Erlaubnis hätte bitten müssen. Doch kaum hatte ich das Foto geschossen, hielt die U-Bahn an, und er stieg aus und verschwand sofort in der Menschenmasse.

Nun könnte ich ja mit einiger Wahrscheinlichkeit darauf hoffen, dass Mr. Unbekannt nie von meinem Foto erfahren wird, selbst wenn ich es in einem Buch veröffentlichte, denn dieses würde garantiert nie in England erscheinen, und wenn doch, hätte er hoffentlich nichts dagegen. Er ist ja nicht unvorteilhaft dargestellt, im Gegenteil, ich hege lautere Absichten und möchte lediglich kundtun, dass ich Krimis eine grossartige Sache finde!

Nun gibt es unterdessen allerdings diese Gesichtserkennungsprogramme, mit denen man alle Fotos nach einer gesuchten Person filtern kann. Vielleicht existiert in der Schweiz ein Anwalt, der über ein solches verfügt und der den Mann dadurch ausfindig machen und mich dann wegen Persönlichkeitsverletzung einklagen könnte.

Ich lasse die Publikation meines wirklich sehr starken Bildes (!) nicht nur sein, weil ich das Risiko, erwischt zu werden, als etwas zu hoch einschätze, sondern weil ich finde, dass jeder Mensch einen gewissen Persönlichkeitsschutz geniesst. Fremde ohne deren Einwilligung zu fotografieren ist verboten, auch wenn wohl täglich tausendmal dagegen verstossen wird. Solange der Schnappschuss im privaten Umfeld bleibt, handelt es sich wohl um eine Lappalie, doch schon die Verbreitung auf Facebook oder anderen Kanälen, die von einer grösseren Anzahl Menschen eingesehen werden kann, ist unstatthaft. Das muss so sein und bleiben. Deshalb gehe ich mit gutem Beispiel voran und opfere meinen Durchbruch als Topfotograf diesem hehren Grundsatz.