PERFORMANCE: Furioser Schlagabtausch

In der Postremise Chur fand diese Woche die Uraufführung des Schlagzeugtheaters «Die Hintertür» statt. Das Percussion-Trio jandlt und wirbelt, was die Trommeln halten.

Brigitte Schmid-Gugler, Chur
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Drei Musiker, die sich auch auf Theater- und Tanzbühnen wohl fühlen: Peter Conradin Zumthor, Rob Kloet und Fritz Hauser (v. l.). (Bild: Tabea Hüberli)

Drei Musiker, die sich auch auf Theater- und Tanzbühnen wohl fühlen: Peter Conradin Zumthor, Rob Kloet und Fritz Hauser (v. l.). (Bild: Tabea Hüberli)

Brigitte Schmid-Gugler, Chur

brigitte.schmid

@tagblatt.ch

Der Basler Klangwerker Fritz Hauser, der wie seine beiden Kollegen häufig bei spartenübergreifenden Projekten mitmischt, tat sich für diese musikalisch-szenische Performance zusammen mit dem Bündner Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor (der Vater war an der Uraufführung zugegen). Das Trio wird vervollständigt durch den Holländer Rob Kloet, bekannt als Mitbegründer der holländischen Kultband Nits. Ein hochkarätiges Kleeblatt also, das mit dem Steuermann an Bord das Glück mit im Boot hat: Der Choreograf und Regisseur Tom Ryser, seit vielen Jahren erfolgreicher Tätschmeister von Ursus & Nadeschkin, nimmt das Instrumentarium und seine Könnerschaft bei Wort und Klang. In den Räumen hinter der Tür beginnt es zu menscheln.

Temporeiches Erzähltheater für Profimusiker

Doch zuerst sieht man mal gar nichts. Die «Hintertür» und somit das Bühnenbild besteht aus einer schwarzen rechteckigen Wand, aus der heraus es leise und wie von Glöcklein klingt. Die angeschlagenen Takte werden beschleunigt und im Schnellerwerden huschen sie vorbei: Die drei Gestalten tragen zwar Anzug, ihr eifriges Tun könnte auch das von Mönchen sein, die arg verspätet in die Gebetsstunde eilen. Fehlt nur noch, dass aus den rhythmisch angeschlagenen Zimbeln ein Weihräuchlein aufsteigt. Hinter der Wand wird jetzt gemurmelt. Dann gejandelt. Die Laute vermengen sich mit Klopf- und Schiebegeräuschen. Und mit jedem Schlaginstrument, welches nun von der «Hintertüre» vor die Türe gestellt wird, beginnt sich die Szene zu verdichten.

Vor den Augen des Publikums in der vollbesetzten Postremise entsteht eine Art Wohnquartier. Fritz Hausers Architektur besteht aus Klangpagoden; Peter Conradin Zumthor breitet seinen gut bestückten Krämerladen aus und Rob Kloet – seine Mundwinkel reichen schier bis zu den Ohrläppchen – setzt das orangefarbene Drumset wie pralle Kürbisse ins Bühnenbeet.

Menschentypen wie aus dem Handbuch für Realsatire

«Erzählt» wird in einer musikalischen Sprache, die das herkömmliche Instrument radikal aus seiner Tradition befreit. Da plustert sich einer auf zum belehrenden Diktatörchen; da werden Standpauken gehalten und ein Aufbegehren hinweggewinselt. Da gurren Waschweiber und nuscheln Drückeberger. Dies alles und noch viel mehr an menschlichen Neigungen und Reibungen versteht das amüsierte Publikum, ohne dass ein einziges Wort gesprochen wird. Tom Ryser teigt die Charaktere aus den Blicken, den Gesten, der Körperhaltung der Musiker. Diese kitzeln die feinsten und schrillsten Nuancen aus dieser Dramaturgie heraus. Die Klangwellen steigen auf zu kleinen Tsunamis und verebben so zart, als wäre «die Hintertür» der Vordereingang zum Stall von Bethlehem. Die Koproduktion von Theater Chur, Gare du Nord Basel und der Postremise Chur tourt ab Januar durch die Deutschschweiz. Nur die Ostschweiz fehlt. Leider.

Heute Samstag zum letzten Mal in Chur, Postremise, 20 Uhr.