Peinliche Sommerferien-Bärte

Stilkritik

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Von wegen «Ich kam noch nicht dazu, mich zu rasieren». Dass der Zwei-Wochen-Bart zur Schau gestellt ist und geradezu nach Bewunderung lechzt, sieht man auf den ersten Blick. Und das Understatement ist so auffällig, dass man das Spiel sofort durchschaut. Die Beobachtung: In der ersten Wochensitzung nach den Sommerferien schaut man rundherum in Stoppelbart-Gesichter.

Es sind nicht jene Bartträger, die seit Jahr und Tag ihr Dreitagebärtchen pflegen. Nein, die leichte Bräune verrät es: Mann hat den Rasierapparat nicht mit in die Sommerferien genommen. Und kehrt nun mit einem nach Abenteuer, Wildnis und Freiheit schmeckenden Männlichkeitssymbol im Gesicht in den Alltag zurück.

Die Kollegen sehen denn auch allesamt aus, als hätten sie an der Camel-Trophy teilgenommen oder zumindest zwei Wochen lang der Zivilisation, dieser mühsamen Männlichkeitsbändigung, den Rücken gekehrt. Ja, und nun tourt man mit einem gesteigerten Männlichkeitsgefühl durchs Grossraumbüro. Imposantes Gefühl! Auch wenn man damit natürlich in unserer ironiegewappneten Zeit eine Lawine an spöttischen Bemerkungen in Kauf nimmt, weil diese Sommerferienbärte halt etwas peinlich sind. Schliesslich sind wir alle nicht nur eitel und anerkennungssüchtig, sondern fühlen uns auch als superschlaue Laien-Psychologen.

Ein richtiger Mann aber ist immun gegen Ironieangriffe! Klar hatte Sigmund Freud vollkommen recht, als er unsere Kultur als von Triebunterdrückung geprägt charakterisierte. Der moderne Mann ist ein gebändigtes Wesen: Statt Ego Teamfähigkeit, statt Saufen Bio-Eistee, statt Kumpelabende Kuschelabende, statt Easy Rider Windeln wechseln. Ein bisschen Outlaw sollte aber schon möglich sein – wenn auch nur symbolisch in den temporären Bartstoppeln. Kultur ist einfach nichts für ganze Kerle.