Parole «ohrenhoch»

Vom «Geräuschladen» bis zum «Ohr-o-vision»-Contest lassen sich Musikvermittler viel einfallen, um Kindern Hörerfahrungen zu bieten. Für Sinfonieorchester ist das eine Überlebensfrage – aber auch eine Herzensangelegenheit.

Bettina Kugler
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Alain Pasquier Beirat Netzwerk Junge Ohren (Bild: pd)

Alain Pasquier Beirat Netzwerk Junge Ohren (Bild: pd)

«Peter und der Wolf» war gestern. Sicher, gestorben sind die beiden nicht: Sergej Prokofjews sinfonisches Orchestermärchen war früher schon gut und wird es bleiben. Doch längst sind die Figuren des beliebten Kinderstücks nicht mehr allein auf weiter Flur als Hörhilfen für junge Ohren. Auf Bühnen, in Schulzimmern, an ungewöhnlichen Konzertorten tut sich gerade viel. Fast alles davon zielt darauf ab, Musik in die Gegenwart und in die Mitte der Gesellschaft zu holen, ohne dabei belehrend den Zeigefinger zu heben.

Mit Klängen experimentieren

Knut Remond beispielsweise braucht weder Sinfonieorchester noch Konzerthaus, keine Geschichte, kein Podium und keinen siebengescheiten Instrumentenführer. Gleichwohl zählt er zu den besten Musikvermittlern in einer ständig wachsenden Szene. Mitten im Berliner Problembezirk Neukölln hat der gebürtige Basler einen «Geräuschladen» eröffnet; hier komponiert er und macht seinen «Kunden», Kindern zwischen fünf und vierzehn Jahren mit unvoreingenommenen Ohren, Lust auf neue Klänge.

Wie naheliegend diese Klänge oft sind, wie neu und anders man nach einem solchen angeleiteten Aufhorchen und Ausprobieren auch «klassische» Musik hört, weiss jeder, der einmal ein Werk des experimentierfreudigen Amerikaners John Cage live erlebt hat. «Wenn ich das Fenster öffne, ist das, was ich höre, Musik. Ich muss mich nur darauf einstellen», davon war Cage überzeugt. An dieser «Einstellung» arbeiten Musikvermittler. Bevorzugt mit Kindern und Jugendlichen, aber immer öfter auch mit Erwachsenen; vor oder nach Konzerten, in Seniorenheimen oder Integrationsprojekten.

Musik: kein Privileg für Reiche

Es gibt langfristig angelegte Projekte wie die Schul-Initiative «Jedem Kind ein Instrument» im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen, die in Nachfolge des Erfolgsmodells «El sistema» aus Venezuela versuchen, über die Musik soziale Unterschiede zu mindern.

Welches Potenzial in Kindern und Jugendlichen steckt, wenn sie gefordert werden und sich renommierte Künstler wie Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker nicht zu schade sind für «Education», zeigte der Dokumentarfilm «Rhythm is it» über die harte, beglückende Arbeit an Igor Strawinskys Ballett «Le sacre du printemps». Aber es geht auch kleiner: in Workshops, moderierten Konzerten und kreativen «LabOhrs» für Kinder.

In Knut Remonds Geräuschladen gilt die Parole «ohrenhoch». Es geht dem kreativen Musiker nicht primär darum, einem künftigen Abo-Publikum der Tonhallen und Opernhäuser die gern zitierte «Schwelle» einzuebnen und ihm den roten Teppich auszurollen – obwohl die Sorgen um den Nachwuchs auf den gepolsterten Klappsitzen durchaus berechtigt sind.

«Netzwerk Junge Ohren»

Vielmehr können Kinder bei Remond experimentieren und eigene Projekte entwickeln, zum Beispiel Alltagsgeräusche sammeln, in Partituren zu Papier bringen und Klanginstallationen bauen: kuriose Soundmaschinen, die «Regenwurmstadt» heissen oder «Maulwurfgarten». Spielerisch nähern sie sich so den Gestaltungsmitteln und Verfahrensweisen zeitgenössischer Musik – und verlassen den Geräuschladen mit geschärften Sinnen für alles, was klingt.

Dafür hat der Schweizer Komponist und Klangtüftler zwei Jahre in Folge den «Junge Ohren Preis» erhalten. Verliehen wird der Preis vom «Netzwerk Junge Ohren». Mehrere Träger, darunter die Deutsche Orchestervereinigung, der Schweizerische Musikerverband und die Sektion Musik der Kulturgewerkschaft Österreich, haben es ins Leben gerufen, um die Fülle an Ideen und Initiativen im Bereich der Musikvermittlung zu bündeln, Kontakte zwischen Veranstaltern und Akteuren herzustellen und Tagungen zu organisieren.

Die Zahl der Bewerbungen um den «Junge Ohren Preis» ist von Jahr zu Jahr gestiegen. Von der Notwendigkeit, Kinder und Jugendliche möglichst vielfältig an Musik heranzuführen, muss heute kaum mehr ein Kulturveranstalter überzeugt werden.

Auch Bildungspolitiker betonen gern, wie wichtig Hörerfahrungen und aktives Musizieren für die Entwicklung von Kindern sind, dass sie Denkfähigkeit und Erkenntnisvermögen steigern, vor allem aber auch «soziale Kompetenzen» vermitteln. Gleichwohl wird oft zuerst bei musischen Fächern gespart und insgeheim gehofft, Musiker und Schauspieler, Konzert- und Theaterpädagogen würden in die Bresche springen. Was sie tatsächlich fleissig tun – wenn auch vor allem aus der Überzeugung heraus, dass Musik ein Wert an sich ist, ein Teil unserer Kultur, den wir zum Leben brauchen wie Luft zum Atmen.

Beispiel «jugend@tonhalle»

Zum Beispiel in St. Gallen: Das Sinfonieorchester spielt seit Jahren moderierte, teilweise inszenierte Kinder- und Familienkonzerte. Orchestermusiker kommen ins Schulhaus und stellen auf kindgerechte Art ihr Instrument vor. Tubist Karl Schimke hat ein Aufbaustudium Musikvermittlung absolviert und hat eine halbe Stelle als Kommunikator; Musikvermittlung läuft nicht mehr nebenbei.

«Dass wir, die wir klassische Musik <leben>, hier in besonderem Mass gefragt sind, liegt auf der Hand», sagt Konzertdirektor Florian Scheiber. «Natürlich wollen wir auch ein Publikum der Zukunft langsam an klassische Musik heranführen, schon aus Pragmatismus und Selbsterhaltungstrieb. Aber es geht uns um mehr. Wir haben unseren Beruf aus Überzeugung und Leidenschaft gewählt. Und diese weiterzutragen, ist zweierlei: Herzensangelegenheit und kulturpolitische Verantwortung.»

Mit Stéphane Fromageot steht regelmässig ein Dirigent am Pult, der eigens für die Kinderkonzerte komponiert und arrangiert. Es gibt das Dachlabel «jugend@tonhalle» für Schülerkonzerte, pädagogische Begleitprogramme sowie Projekte, in denen Kinder Musiktheater machen oder Jugendliche mit Profimusikern im Orchester sitzen, etwa in Opern wie letzte Spielzeit «Eloïse» und zuvor Brittens «Der kleine Schornsteinfeger».

Musiktheater intensiv

«Das kommt einer Schnupperlehre für Theaterberufe gleich», sagt Alain Pasquier, Soloposaunist des Sinfonieorchesters St. Gallen und Mitglied im Beirat des Netzwerks Junge Ohren, der zweimal jährlich zusammenkommt. «Hauptanliegen der Musikvermittlung ist aber nicht die Begabtenförderung», betont Pasquier. «Die Konzepte setzen in der Breite an: Es sollen möglichst viele Kinder angesprochen und erreicht werden.» «Aufmerksamkeitsschulung für Akustisches», so allgemein und offen formuliert das Netzwerk Junge Ohren den gemeinsamen Nenner aller Aktivitäten.

Natürlich schwingt auch die Hoffnung mit, dass Kinder zur Musik finden, in Konzerte kommen, selbst ein Instrument zu spielen beginnen. Aber vor allem steht der Gedanke dahinter, dass Musik das Leben bereichert und hilft, das Miteinander zu gestalten. «Es wird in den nächsten Jahren noch mehr Effort brauchen», ist Alain Pasquier überzeugt; «man wird konzeptuell weitergehen und wegkommen vom kommentierten Konzert.»

Zu gut und ansteckend sind dafür schon andere Zugänge: spartenübergreifende oder multimediale Produktionen, Programme, die auf Mitmachen und aktives Hören setzen, auf eine neue Hörkultur.

Kopfstand für Gustav Mahler

Nicole Marte macht dafür gern auch mal Kopfstand neben dem Dirigentenpult. Wenn doch alles in Gustav Mahlers Vierter Symphonie auf den Kopf gestellt ist! Die Jugendlichen im vorarlbergischen Lustenau jedenfalls packt die Pianistin und Musikvermittlerin damit sofort am Ohr. Auch Dirigent Kirill Petrenko hat mit Nicole Martes Turnerei vor dem Sinfonieorchester Vorarlberg überhaupt kein Problem. Im Gegenteil.

Die Bregenzerin leitet in Wien ein «Zentrum für Musikvermittlung» und weiss, dass oft schon minimale Eingriffe in die Konzertroutine genügen, um die Ohren anzuspitzen – ob nun bei unerfahrenen oder auch allzu erfahrenen Hörern. «Man muss es so einfach wie möglich machen», sagt sie, «aber nicht einfacher.» Ideen hat Nicole Marte viele. Manchmal genügen ein Bühnenbild, spezielle Beleuchtung, ein ungewohnter Ablauf: etwa die Wiederholung der Kantate nach einer Reflexion zum Text, wie sie die Bachstiftung St. Gallen praktiziert. Der Spielort: Maschinen-Musik in einer Druckerei, wie Anfang des Jahres in der Konzertreihe des Vereins Megliodia, oder ein «Industriekonzert» in der Debrunner-Stahlhalle.

Im Gespräch mit Musik

Andere Konzepte setzen auf Dialog – mal zwischen Musikern und einem Moderator, mal direkt mit dem Publikum. Auch Selbstgespräche können so witzig wie erhellend sein. Oder Schauspieler, die Komponisten von anno dazumal aus der Versenkung holen, wie im Frühjahr beim «Ohr-o-vision»-Contest in der Tonhalle.

Professionell spontan agieren

Das alles lässt sich aber nicht einfach aus dem Ärmel schütteln. Fehlen der professionelle Hintergrund, die solide Ausbildung, die Bühnenpräsenz, kann es schnell peinlich wirken. «Wir Orchestermusiker müssen bei solchen Auftritten wesentlich spontaner agieren; es reicht dann nicht, gut auf dem Instrument zu sein», bestätigt auch Alain Pasquier. Der Lohn ist ein frischer Blick auf das eigene Tun. Und unübersehbarer Spass an der Sache.

Der «Komponist» Ravel (Oliver Losehand), live interviewt beim «Ohr-o-vision»-Contest in der Tonhalle. Da sind auch die Musiker ganz Ohr. (Bild: Coralie Wenger)

Der «Komponist» Ravel (Oliver Losehand), live interviewt beim «Ohr-o-vision»-Contest in der Tonhalle. Da sind auch die Musiker ganz Ohr. (Bild: Coralie Wenger)

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