Panzerung mit Porzellan

Eine französische Manufaktur stellt Schutzwesten und Armierungen mit Porzellan her. Das Material ist robuster und druckfester als Metalle. Die Keramik-Panzerung wird immer gefragter.

Adrian Lobe
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Porzellan und Panzerung – auf den Blick könnten die Begriffe widersprüchlicher nicht sein. Hier das feine Kunsthandwerk. Dort das grobe Militär. Doch die Allianz aus Zartem und Hartem war der grosse Hingucker auf dem Innovationsforum der «Direction générale de l'armement», das Ende November in Paris stattfand.

Zwischen Schnellfeuerwaffen und Herbstlaub lag, wie hindrapiert, ein Brustharnisch aus Keramik. Ein Produkt des Porzellan-Herstellers «Bernardaud» aus Limoges. Für den 150 Jahre alten Familienbetrieb aus dem Zentralmassiv ist die Rüstungsmesse nicht unbedingt die originäre Plattform. Doch der Porzellan-Hersteller hat seine Produktpalette um Panzerungen erweitert – und den Markt des Sicherheitsgeschäfts für sich entdeckt. «Das ist ein Fingerzeig, denn das ist natürlich nicht das, was man von uns erwartet hat», sagte Firmenchef Michel Bernardaud.

Besuch von Sarkozy

Die Idee entstand im Jahr 2004, als Nicolas Sarkozy, damals Wirtschafts- und Finanzminister, zu einem Besuch nach Limoges kam. «Wir haben uns damals entschieden, neue Verwendungsmöglichkeiten für Keramik zu suchen», sagt Bernardaud. In Zusammenarbeit mit der Universität Limoges und der «École nationale supérieure de céramique industrielle» wurden die erste Pläne entworfen.

Das Ziel: Die ballistische Widerstandsfähigkeit von Keramik zu optimieren. «Keramische Werkstoffe sind härter und druckfester als Metalle», erklärt Bernardaud. Die Keramik, deren Zusammensetzung ein Firmengeheimnis bleibt, soll bei Panzerfahrzeugen und Schutzwesten eingesetzt werden. Gleichwohl: Die Idee ist nicht neu. «Keramikplatten werden schon seit etwa 25 bis 30 Jahren als Schutz gegen Beschuss mit Gewehrgeschossen und anderen relativ energiereichen Projektilen verwendet», sagt Beat Kneubühl, Leiter des Zentrums für Forensische Physik und Ballistik an der Universität Bern.

Geringeres Gewicht

«In Schutzwesten haben sie den früher verwendeten Stahl weitgehend ersetzt, dank dem deutlich geringeren Gewicht bei gleichem Schutz.» Eigentlich ist Keramik spröde und stossempfindlich. In speziellen Verbundsystemen wird der Werkstoff aber wie in einem Sandwich in zwei Stahlplatten eingebettet. Beim Aufprall des Geschosses auf die Keramik-Oberfläche verformt sich das Projektil und vergrössert dadurch den Wirkungseinschnitt. Wenn das Geschoss die Keramik-Komponente durchdringt, wird es mikronisiert, das heisst regelrecht pulverisiert. Die kinetische Energie der Bruchteile ist aufgrund der geringeren Masse niedriger – das Geschoss kann daher weniger Schaden anrichten.

Unterstützung durch den Staat

Einsatzfahrzeuge der UNO- und Nato-Truppen sind seit längerem mit keramikbasierten Schutzsystemen ausgestattet. Die grössten Hersteller kommen aus den USA, Deutschland und Italien. Frankreich hinkt im Rüstungsgeschäft hinterher. Das Verteidigungsministerium unterstützt die Innovation aus dem Hause Bernardaud mit 2,3 Millionen Euro Fördergeldern. Vielleicht werden die Produkte der Porzellan-Manufaktur bald nicht nur die heimischen Vitrinen schmücken, sondern auch Soldatenleben retten.

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