Orientierungshilfe im Hosensack

Wer eine Karten-App nutzen will, muss seine Privatsphäre nicht aufgeben. Neben den Diensten der etablierten Anbieter gibt es auch viele kleinere Apps, die einige Vorteile bieten.

Andreas Lorenz-Meyer
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Der Spätsommer lädt zum Wandern ein. Digitale Karten können auch auf Touren hilfreich sein. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Der Spätsommer lädt zum Wandern ein. Digitale Karten können auch auf Touren hilfreich sein. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

So gut wie jeder hat unterwegs ein Smartphone dabei. Und weiss darum immer, wo es langgeht. Denn mobile Geräte sind dank digitaler Kartendienste längst auch Orientierungshilfen im Alltag.

Die Karten zeigen dem Fussgänger in der Stadt an, wo das nächste Schuhgeschäft zu finden ist oder wie man am besten zum Hauptbahnhof gelangt. Velofahrer planen ihre Touren mit den digitalen Karten. Und auch für viele Autofahrer ist das «Navi» mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. Meist, aber nicht immer, gehören die Karten einem Internetkonzern.

Apple Maps

Die grossen Internetkonzerne haben das Geschäft mit den digitalen Karten längst für sich entdeckt. Derzeit fahren Kamerawagen von Apple über Europas Strassen. Die sollen frische Geodaten sammeln, mit welchen dann Apple Maps gefüttert wird.

Seit der Version Nummer 6 des Apple-Betriebssystems iOS ist der Kartendienst auf iPhone und iPad eingebunden. Bisher gab es nur Informationen für Autofahrer und Fussgänger. Bald sollen auch Bus- und Bahnfahrer in den Genuss von Ortsinformationen kommen. Mit iOS9, welches in diesem Herbst erscheint, beinhaltet die Navigation erstmals die Fahrpläne des öffentlichen Nahverkehrs. Jedoch gibt es die Funktion «Transit» zuerst nur in Städten ausserhalb der Schweiz.

Mit iOS9 meldet sich bei Apple Maps auch Siri zu Wort. Hier geht es um Verkehrsinformationen. Lenkt man das Auto geradewegs in den Stau, schlägt die Stimme der digitalen Assistentin eine andere Strecke vor.

Google Maps

Auf sehr vielen Geräten ist der Dienst Google Maps des gleichnamigen Internetkonzerns installiert. Immer wieder bekommt er neue Funktionen, die dem Nutzer noch mehr Alltagsdinge abnehmen. «Popular Times» zum Beispiel soll Konsumenten anstrengende Wartezeiten ersparen. Es zeigt, in welchem Laden zu welcher Zeit mit grossem Andrang zu rechnen ist. Da würde man natürlich gerne wissen, woher die Informationen stammen. Vermutlich nutzt Google die Ortungsdaten der Android-Geräte in einem bestimmten Bereich. So macht es der Konzern auch bei den Meldungen zum Verkehrsaufkommen.

Wer Google Maps nutzt, muss hinnehmen, dass man seine Daten verarbeitet, um damit einen bestimmten Service anzubieten. Was kundenfreundlich sein mag, aber bestimmt nicht datenschutzfreundlich. Auch bei der Funktion «Meine Zeitleiste» wird die «Gläsernheit» des Nutzers deutlich. Man blättert im Kalender, tippt einen bestimmten Tag in der Vergangenheit an und sieht, wo man damals war. Unterwegs geschossene Fotos werden ebenso gezeigt. Wer seine Wege nicht so akribisch aufgezeichnet haben will, muss die Funktion in den Google-Maps-Einstellungen ausschalten.

Here

Ein weiterer verbreiteter Kartendienst ist Here. Dieser gehörte bislang zum finnischen Nokia-Konzern, der sich aber künftig auf sein Kerngeschäft mit Telekomausrüstungen konzentrieren will und Here deshalb vor zehn Tagen an Audi, BMW und Daimler verkauft hat. Die deutschen Autobauer wollten nicht, dass Here in die Hände von Google oder Apple gelangt. Abseits strategischer Schachzüge im Automobilbereich gibt es aber auch noch die klassische Karten-App von Here. Diese bietet einen Routenplaner für Autofahrer, Fussgänger und Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel und liefert aktuelle Verkehrsdaten. Restaurants, Bars, Sehenswürdigkeiten, Tankstellen werden angezeigt. Der Download ist gratis. Die Karten funktionieren auch offline. Um sich die Karten anzuschauen, ist also keine Internetverbindung nötig.

Open Street Map

Bei diesem Kartendienst läuft alles anders. Hier erfassen Freiwillige, Mapper genannt, die Daten. Auf ihrem Lokalwissen basiert das Kartenmaterial von Open Street Map (OSM). Mehr als 500 000 sind weltweit unterwegs und kartographieren. Der Datenbestand der Schweiz stammt von rund 11 000 Mappern. Und jedes Jahr kommen etwa tausend dazu, so Simon Poole von OSM Schweiz. Dass die Geodaten von Freiwilligen stammen, hat für Nutzer, egal ob Firmen oder Privatleute, einen grossen Vorteil. OSM ist eine freie Weltkarte. Das Material darf von jedem bearbeitet und für jeden Zweck verwendet werden. Wegen der freien Verwendung bevorzugen viele App-Entwickler das Material von OSM. Aber es gibt noch einen anderen Grund. Poole: «Bei uns ist man nicht einem Anbieter wie Google ausgeliefert, dessen Geschäftsmodell darauf basiert, dass Nutzer die eigene Privatsphäre aufgeben.»

Offline-Nutzung von Vorteil

Wer sich für OSM entscheidet, wird also nicht zum gläsernen Kartenleser. Zweiter Vorteil: Viele Karten-Apps, die auf OSM-Material beruhen, erlauben die Offline-Nutzung. Im Ausland, wo man keine Internet-Flat-Rate hat, können so Roamingkosten gespart werden. Und im Inland stehen Nutzer in Gebieten mit schlechter Internetabdeckung nicht ohne Karte da. «OsmAnd» ist so eine App, die offline funktioniert, sobald die Karten auf Smartphone oder Tablet geladen sind. Sie wurde von der OSM-Community entwickelt. Kostenlos gibt es zehn Kartenausschnitte zum Download. Man wird per Sprachansage ans Ziel geführt. Fussgänger, die in der Stadt unterwegs sind, bekommen Attraktionen angezeigt. Velofahrer können den farblich hervorgehobenen Radwegen folgen. Autofahrer bekommen die zulässige Höchstgeschwindigkeit eingeblendet.

Zu den Apps, die nicht direkt von der OSM-Gemeinschaft stammen, aber OSM-Material verwenden, zählt «Hoursome». Hier werden Supermärkte, Pärke, Kneipen, Sportplätze in der Nähe mitsamt Öffnungszeiten angezeigt. Die App verlangt kein Log-in. «Forevermap» führt Fussgänger ohne Datenverbindung durch Metropolen. «Komoot» richtet sich speziell an Velofahrer. Die App zeigt an, wo einen Schotter, Asphalt oder Kopfsteinpflaster erwarten. Und dann gibt es noch «Wheelmap». Diese App liefert Informationen zur Barrierefreiheit in öffentlichen Einrichtungen. So können sich Rollstuhlfahrer vorab informieren, ob eine U-Bahn-Station einen Aufzug hat oder die Disco einen für sie geeigneten Zugang.

Kartenqualität nicht optimal

Stellt sich die Frage nach der Qualität von OSM-Karten. Schweizer Städte sind in der Regel sehr gut gemappt, sagt Poole. In dünn besiedelten Gebieten kann auch mal ein Detail fehlen. Generell zeigt OSM bei Hausnummern und Adressen immer noch Schwächen. Dabei müsste heute nur jeder einmal seine eigene eintragen, und morgen wäre alles komplett, so Poole. Den Vergleich mit den Angeboten der Internetriesen muss OSM aber nicht scheuen.

Bild: ANDREAS LORENZ-MEYER

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