Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

OKTOBER-PUTSCH: Schnapsleichen statt Sturm

In Russland stehen die Feiern zum 100. Jahrestag der «Grossen Oktoberrevolution» an. Ein sperriges Jubiläum. Auch, weil das weltgeschichtliche Ereignis nur ein mittelmässiger Militärputsch gewesen ist.
Stefan Scholl, Moskau
Diese Fotografie wurde zum Symbolbild der Revolution. Sie stammt allerdings nicht vom historischen Ereignis, sondern von der theatralen Nachstellung für Sergej Eisensteins Film "Oktober". (Bild: Heritage Images)

Diese Fotografie wurde zum Symbolbild der Revolution. Sie stammt allerdings nicht vom historischen Ereignis, sondern von der theatralen Nachstellung für Sergej Eisensteins Film "Oktober". (Bild: Heritage Images)

Stefan Scholl, Moskau

Am 7. November 1917, nach dem zarisch-julianischen Kalender am 25. Oktober, fand in Petrograd die «Grosse Sozialistische Oktoberrevolution» statt. Sie gilt bis heute als Wendepunkt der Weltgeschichte. Dabei war sie nur ein mittelmässiger Militärputsch.

Sowjethistoriker Witali Strelzow veröffentlichte 1988 einige Details, die dem offiziellen Mythos widersprachen. Die Kronstädter Matrosen seien durch die Hintertür gekommen. Energisches Klopfen, ein grau livrierter Diener habe verängstigt geöffnet. Die Revolutionsmatrosen hätten sich in den 1100 Räumen des Winterpalasts verlaufen, seien von Offiziersschülern entwaffnet worden. Dann hätten sie mit ihren Bewachern diskutiert, ob die sich nicht besser ergeben sollten. Die wirkliche Revolution, im März: Russland war drauf und dran, den 1. Weltkrieg gegen Deutschland zu verlieren, hunderttausende Hauptstädter gingen auf die Strasse, der Zar dankte ab. In Petrograd etablierte sich eine Doppelmacht: die nationaldemokratische provisorische Regierung gegen die Arbeiter- und Soldatenräte unter dem Einfluss der Bolschewisten.

Lenin punktete mit Schlagworten

«Die Bolschewisten siegten, weil sie am zynischsten waren», sagt der Petersburger Historiker Konstantin Schukow. Die provisorische Regierung wollte den Krieg fortsetzen und wurde immer unpopulärer. Lenin und Genossen aber punkteten mit Schlagworten: «Frieden», «Brot» und «Land». Das kam vor allem bei der Armee an, die sich meist aus Bauern rekrutierte.

Am 6. November begannen bewaffnete Bolschewisten, Bahnhöfe und Brücken zu besetzen. «Alle wichtigen Punkte der Stadt gehen in unsere Hände über», schriebt Lew Trotzki, der die Aktion befehligte, «ohne Kampf, ohne Opfer.» Kaum ein Soldat hatte Lust, das Regime zu verteidigen, das ihn wieder an die Front schicken wollte. Die mit Kundgebungen übersättigte Bevölkerung nahm den Machtwechsel kaum zur Kenntnis. «Revolution bedeutet den Wechsel eines Gesellschaftssystems durch ein anderes unter Anteilnahme des Volks», sagt Historiker Schukow. «Die sogenannte Oktoberrevolution war schlicht ein Staatsstreich.»

Lausige Kanonade und Schüsse in den ­Nachthimmel

Blieb noch eine Formalität: die Festnahme der Minister im Winterpalast, den die Bolschewisten umstellt hatten. Ihn verteidigten eine Schwadron Donkosaken, eine weibliche Freiwilligenkompanie und über 2000 «Junker», Offiziersschüler immerhin. Aber nur noch 10 Prozent der Junker waren Adlige, die übrigen Bauern, Arbeiter, Handwerker. Es folgten einige Schiessereien, auch die meisten Junker zielten in den Nachthimmel. Dazwischen palaverten die Verteidiger immer wieder mit Parlamentären der Bolschewisten. Im Ergebnis zogen die Amazonen ab, die Kosaken auch.

Rote Artilleristen eröffneten eine eher lausige Kanonade: 40 Schüsse mit Übungsmunition oder wirkungsschwachen Schrapnells. Trotzki schimpfte hinterher, sie hätten auch noch zu hoch gezielt. Neue Gespräche, danach verliessen wieder Hunderte Junker den Palast. Gegen ein Uhr meldete ein Beobachter, der über dem linken Portal des Palastes ausharrte: «Eine Delegation von 300 bis 400 Mann nähert sich.» Auch deren bolschewistischer Anführer vermerkte keine Kampfhandlungen: «Die Junker leisteten keinen Widerstand, wir kamen ungehindert ins Innere in den Palast und begangen, die provisorische Regierung zu suchen.» Sie wurde 50 Minuten später verhaftet. Die genauen Verluste sind unbekannt: Antonow-Owsejenko meldete sechs gefallene Soldaten, auf Seiten der Verteidiger soll es nur Verwundete gegeben haben. Dafür gab es Schnaps­leichen haufenweise, das revolutionäre Fussvolk entdeckte die Weinkeller des Zaren, das Massenbesäufnis setzte sich mit der Plünderung anderer Alkohollager fort. «Ganz Petrograd ist betrunken», schrieb die Dichterin Sinaida Gippius noch Wochen später. Nach dieser Farce begann Russlands Tragödie, der Bürgerkrieg mit neun Millionen Toten. Die Bolschewisten aber wollten auch die Deutungshoheit über das Jahr 2017 erobern. Gemeinsam mit sympathisierenden Intellektuellen verklärten sie den «Sturm auf den Winterpalast» zum dramatischen Heilshöhepunkt der Menschheitsge- schichte. Es hagelte Gemälde, Gedichte, Filme, die eine blutig-heldenhafte Schlacht um den Winterpalast kreierten. Den dritten Jahrestag des Sturms feierte man mit einem Massenschauspiel vor Ort. Stars der jungen Sowjetkultur brachten 150 Scheinwerfer und 8000 Teilnehmer in Stellung, darunter 500 Musiker. Und 1927 brannte Kino-Regisseur Sergej Eisenstein mit seinem legendären Stummfilm «Oktober» die Heldenikone des roten Revolutionärs, der stürmt, stirbt, aber siegt, endgültig in das Bewusstsein der Sowjetgesellschaft ein. Fotos seiner Massenszenen schafften es als Illustrationen zum «Sturm» des Winter­palasts auch in westliche Schulbücher. Der Putsch wurde zur Fake-Revolution. Wladimir Putins Russland steht dem 100. Jahrestag des Ereignisses unschlüssig gegenüber. Laut dem Meinungs­forschungsinstitut Wziom betrachten 46 Prozent der Russen die Folgen des Umsturzes von 1917 als positiv, 46 Prozent als negativ. «Die Revolution spaltet die Gesellschaft», sagt Historiker Boris Kolonizki. «Man hatte lange vorgezogen, sie zu vergessen, jetzt will man sie irgendwie durchstehen.» Zum Jubiläum plant man vor dem Winterpalast eine Lasershow und in Moskau ein Jugendsymphoniekonzert, Titel «Zukunft». Als liesse man das Jahr 1917 selbst lieber ruhen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.