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Ohne Kind – und glücklich damit

Frausein ist bis heute eng mit Mutterschaft verbunden. Kinderlose Frauen gelten als Fehler im System, sie werden bemitleidet und müssen sich dauernd rechtfertigen. Trotzdem wächst die Zahl der gewollt Kinderlosen stetig.
Katja Fischer De Santi
Legende (Bild:)

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«Mir liegt nichts ferner als der Gedanke, selbst Mutter zu werden.» Ein Satz wie ein Kanonenschuss, ein Affront. Erst recht, wenn er von einer berühmten Schauspielerin wie Cameron Diaz kommt. «Kinder sind mir zu anstrengend, ich bin glücklicher ohne», fügte sie provozierend an. In einer Zeit, wo jede Promi-Schwangerschaft frenetisch gefeiert wird, ist das öffentliche Bekenntnis zum kinderlosen Glück für viele irritierend.

Die Geburt eines Kindes wird immer noch als die Krönung jedes Frauenlebens angesehen. Freiwillig Kinderlose gelten als eine Art Fehler im System. Egoistische Exotinnen, mit denen irgendetwas nicht stimmt. Das erlebte auch die deutsche Autorin Sonja Siegert auf Lesetour zu ihrem Buch «Ich will kein Kind». Sie sei teilweise «massiv angefeindet» worden, sagt sie. «Für manche ist die gewollte Kinderlosigkeit eine ungeheure Provokation.»

Ein Tabuthema

Auch bei der Recherche für diesen Artikel zeigte sich, dass Kinderlosigkeit nach wie vor ein Tabuthema ist. Keine der befragten Frauen wollte mit Bild und Name in der Zeitung erscheinen. Zu privat sei das Thema. Zu oft hätten sie sich schon rechtfertigen müssen.

Da ist etwa die 46jährige Lehrerin aus Appenzell Ausserrhoden, die erzählt, dass die Leute sie mitleidig anschauen würden, wenn sie ihnen erzähle, dass sie keine Kinder habe. «So, als ob mit mir körperlich etwas nicht in Ordnung ist oder mein Leben trist und traurig wäre.» Wenn sie dann erkläre, dass sie früher viel gereist sei, jahrelang in Afrika gelebt habe und auch jetzt ständig unterwegs sei, dann ernte sie oft nur ein abschätziges Schulterzucken und im schlimmsten Fall einen Kommentar wie: Und wer besucht dich im Altersheim?

Jüngere (noch) kinderlose Frauen werden hingegen von allen Seiten bedrängt, doch endlich schwanger zu werden. Mit Sätzen wie «Später wirst du es bereuen, keine Kinder gezeugt zu haben», werden sie unter Druck gesetzt.

Das Prädikat «kinderlos» wird denn auch gern abschätzig und absichtlich abwertend verwendet; es soll suggerieren, dass die Frau nicht genügt. Neu kommt der Vorwurf hinzu, dass die kinderlose Frau es nicht geschafft hat, alles zu stemmen; Kinder, Beruf, Partnerschaft.

Kinderlose Männer gibt es nicht

So oder so, das Image der kinderlosen Frau ist miserabel und überfrachtet mit unzähligen Klischees. Ganz anders steht der kinderlose Mann in der Gesellschaft. Während er als attraktiver Abenteurer gilt, als einsamer Wolf, wird die Frau ohne Kind bemitleidet oder als verbiesterte Karrieristin beschrieben. Männer werden denn auch viel seltener gefragt, warum sie keine Kinder haben. Zumal die Herren der Schöpfung das Privileg geniessen, ihre Vaterschaft fast bis in alle Ewigkeit aufschieben zu können. Während Frauen jenseits der 40 als potenziell «Spätgebärende» und «Risikoschwangere» gehandelt werden.

Gebildete Städterin ohne Kind

Auch in der Statistik bleiben die Männer aussen vor. Erfasst werden ausschliesslich die kinderlosen Frauen. Und deren Zahl steigt ständig an. So hat sich seit den 1990er-Jahren die Anzahl kinderloser Frauen in den USA verdoppelt, aktuell ist jede fünfte Frau bis 45 kinderlos. In den 1970er-Jahren war es erst eine von zehn Frauen, die nie Kinder bekam.

Auch in der Schweiz steigt die Zahl der Frauen ohne Kinder. Wie gross der Anteil gewollt Kinderloser ist, lässt sich nicht festmachen. Das Bundesamt für Statistik hält aber fest: «Der steigende Trend zur Kinderlosigkeit in der schweizerischen Wohnbevölkerung ist nicht zu übersehen. Die höchsten Anteile kinderloser Frauen weisen die Städte auf, allen voran Zürich und Basel mit 38 Prozent beziehungsweise 35 Prozent bei der Altersgruppe der 35- bis 44-Jährigen.»

Andere Prioritäten gesetzt

Die grassierende Gebärunwilligkeit gilt als Grund für die demographische Schieflage im Land, und das obwohl der Staat sich doch so sehr bemüht, Beruf und Familie vereinbar zu machen.

Doch Kinderlosigkeit ist nicht zwangsläufig die Folge schwieriger gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Es gibt eine wachsende Zahl Frauen (und Männer), die den Wunsch nach einem Kind schlicht nicht verspüren – oder andere Prioritäten setzen. «Ich wusste schon als Teenager, dass ich nie Kinder haben möchte», sagt eine 39jährige Journalistin aus St. Gallen. Sie sei nicht der mütterliche Typ, der Verantwortung, welche ein Kind mit sich bringt, wollte sie sich nicht stellen. Die Angst durch die Mutterschaft in ein konservatives Rollenbild gedrängt zu werden, habe aber auch eine Rolle gespielt, sagt sie. «Auch mit Krippe, Tagesschulen und aktiven Vätern bleibt die Hauptverantwortung für die Kinder an den Frauen hängen.»

Ihre eigene Mutter habe viele Träume zu Gunsten der Familie aufgegeben, «das sollte mir nicht passieren». Als sie sich mit 30 Jahren sterilisieren liess, habe dies jedoch selbst ihre engsten Freunde vor den Kopf gestossen. «Ich wurde angeschaut, als hätte ich meine Grossmutter ermordet.» Es sei ihr abwechselnd unterstellt worden, einen psychischen Knacks zu haben oder nur an Karriere und Geld interessiert zu sein. Noch heute fühle sie sich unter Rechtfertigungsdruck, werde als egoistisch abgestempelt oder müsse sich gegen Unterstellungen und Vorwürfe wehren. «Es sollte genauso normal sein, keine Kinder zu wollen, wie unbedingt Eltern werden zu wollen.»

Kinderfrei statt kinderlos

In den USA verschaffen sich die sogenannten «childfree couples» immer lauter Gehör, und eine ganze Reihe von Büchern, Artikeln und Blogs mit Titeln wie «The Not Mom» oder «The Childfree Life» widmen sich ausschliesslich dem Thema der gewollten Kinderlosigkeit.

Was auch dringend notwendig ist. Denn noch immer gibt es kaum positive Vorbilder kinderloser Frauen. Stattdessen wird gerne das Bild der verhärmten Karrierefrau bedient, die ihre Entscheidung bitter bereut, wenn es dann zu spät ist.

Hexen und alte Jungfern

Natürlich gab es schon immer kinderlose Frauen. Doch in Zeiten ohne verlässliche Verhütungsmethoden seien diese eher bemitleidet worden, schreibt Sarah Diehl in ihrer Streitschrift «Die Uhr, die nicht tickt. Kinderlos glücklich» (Arche 2014). «Man nahm die Kinderlosigkeit nicht als selbstbestimmte Entscheidung wahr – sondern als üble Laune der Natur.» Kinderlose Frauen wurden denn auch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als alte Jungfern oder schlimmer als Hexen beschimpft. Religionen und Politiker instrumentalisierten die Frauen nur zu gerne zu Gebärmaschinen und «Mütter der Nation».

Zum Glück sind Luthers Zeiten vorbei und versteht sich auch der weibliche Homo sapiens inzwischen als weit mehr als ein sich tumb fortpflanzender Säuger. Es ist nur zu begrüssen, dass wir heute die Möglichkeit haben, unsere eigenen Grenzen zu erkennen und verantwortungsvoll zu entscheiden.

Das Glück dieser Erde liegt eben nicht für alle im Anblick eines abwechselnd schreienden und lächelnden Säuglings. Gerade Eltern sollten das eigentlich am besten verstehen.

Die Ausnahmen von der Regel: Gewollt kinderlose Frauen, die zu ihrer Entscheidung stehen: Schauspielerinnen Helen Mirren, Jennifer Aniston und Cameron Diaz (v. l.). (Bilder: ap, epa)

Die Ausnahmen von der Regel: Gewollt kinderlose Frauen, die zu ihrer Entscheidung stehen: Schauspielerinnen Helen Mirren, Jennifer Aniston und Cameron Diaz (v. l.). (Bilder: ap, epa)

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