Ohne Kägifret wäre das Leben zum Verzweifeln

Misanthropen sind dankbare Komödienfiguren: Sie lästern ungeniert, übertreiben und balancieren schwarzmalend zwischen Tragödie und Farce. Das macht auch Arno Camenischs neue Erzählung «Die Kur» zum Lesevergnügen.

Hansruedi Kugler
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Arno Camenisch: Die Kur. Roman. Engeler Verlag. 96 Seiten, Fr. 25.–

Arno Camenisch: Die Kur. Roman. Engeler Verlag. 96 Seiten, Fr. 25.–

Misanthropen sind dankbare Komödienfiguren: Sie lästern ungeniert, übertreiben und balancieren schwarzmalend zwischen Tragödie und Farce. Das macht auch Arno Camenischs neue Erzählung «Die Kur» zum Lesevergnügen. Vier Tage Luxushotel in den Bergen hat der pensionierte Schulhausabwart an einer Tombola gewonnen. Dass ihm dabei nicht wohl ist, kann man nachfühlen: Hier trifft sich die High-Society zu Kutschenfahrten, Galadiners und klassischen Konzerten. Ein Fresskorb wäre ihm lieber gewesen. Ohnehin sässe er lieber zu Hause auf dem Sofa und schaute Fernsehen. Er rächt sich mit Buffetschlachten, demoliert Vasen und schaltet beim Konzert sein Hörgerät aus. Sein Unwohlsein kommt aber noch woanders her: Denn in den Bergen lauert die Erinnerung – an ein Leben voller skurriler Todesfälle.

Rabenschwarzes Vergnügen

Nun stapft er also widerwillig hinter seiner fröhlichen Gattin, die von Kreuzfahrten und einem Blumenladen träumt, den Berg hoch und sieht alles rabenschwarz: In den Wäldern wimmle es von Wölfen, er werde im Swimmingpool ertrinken, vom Blitz oder vom Berg erschlagen. Diese Hypochondrie auf 92 Seiten und in 47 kurzen Szenen mag eintönig wirken und wäre für einen Roman zu dünn. Aber Camenisch komponiert das Erzählte hervorragend und kurzweilig, zeichnet das alte Ehepaar rührend bitterzart (er griesgrämig, sie romantisch) und ist ein Meister der humoristischen Episode. Ihm fallen herrliche Sätze ein: «Meine liebste Musik ist die von Speck in der Bratpfanne.» «Schöne Musik? Schön ist es zu Hause auf dem Sofa», «Wir entkommen dem Leben nicht, aber das Sterben lohnt sich auch nicht.» Zum Glück hat er seinen Plastiksack dabei, aus dem er Rettung aus allen Lebenslagen herauszieht: Taschenlampe, Radio, Schirm, Barometer – wunderbar komische Slapstick-Effekte.

Ein grosser Humorist

In der Erinnerung ist das Leben eine Abfolge von skurrilen Todesfällen, Wahnsinn und Ungerechtigkeit: Zwei Beispiele: Ein rauchender Tankwart explodiert, ein befreundetes Verlobungspaar stürzt mit der Seilbahn in den Tod. Seine Ehe begann mit einem Motorschaden und einem Kreuzbandriss. Diesem mürrischen alten Kauz hört man amüsiert zu. Der 37jährige Camenisch, der mit seinem rauhen Sound mit Mundart-Einschüben einen festen Platz in der Schweizer Literaturszene erobert hat, ist kein Autor seichter Satire. Was leichtfüssig daherkommt, entpuppt sich als grosse Humoreske: als komische Verzweiflungsprosa. Sein Held verwirft das Leben, hängt aber an jedem Kägifret. Diese Tragikomik mag an Schopenhauers Weltverachtung und Thomas Bernhards selbstgefälligen Patriarchen geschult sein: Camenisch findet aber seinen eigenen Ton. Wenn der Kauz am Ende vor Angst in der Seilbahngondel zittert, liest man das lachend und mitfühlend – Arno Camenisch ist ein grosser Humorist.