Oh, Ferien! Ach, Ferien!

Ferienbeginn Nach dem letzten Arbeitstag beginnt eine Zeit ohne Aufgaben und Pflichten – aber auch eine Zeit, in der Fernweh-Sehnsüchte der Realität standhalten müssen. Das kann Befreiung wie Anspannung sein. Und es zeigt, dass «schöne Ferien» auch eine Frage der Erwartungen sind. Beda Hanimann

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Ferien sind die ersehnte Abkehr von der Arbeitswelt – das befreit, hat aber auch seine Tücken. (Bild: getty/ Gorilla)

Ferien sind die ersehnte Abkehr von der Arbeitswelt – das befreit, hat aber auch seine Tücken. (Bild: getty/ Gorilla)

1.Es ist also wieder so weit. Dieser ominöse wohlige Freitag ist angebrochen, der Tag, an dem die Ferien beginnen. Der Tag, an dem die grosse Freiheit ruft. Ob die nun Lappland, Ligurien, Laos oder Lungernsee heisst oder gar nur aus einem Tisch und ein paar Stühlen im eigenen Garten besteht: Von einer Stunde auf die andere ist ausgesetzt, was einen während des Arbeitsjahres umgetrieben hat und in Fleisch und Blut übergegangen ist. Schluss mit Sitzungsterminen, Schluss mit Mailanfragen, Schluss mit Wecker stellen, Schluss mit Stunden zählen. Darauf ein Bier, der Kulissenwechsel muss gefeiert werden.

Es riecht nach Abenteuer

So startet man entspannt und befreit in die schönste Zeit des Jahres. Da ist nichts, das die Freiheit trüben würde. Man muss nichts, kann also auch nichts versauen. Klar, da ist das Programm, das man sich selber zurechtgelegt hat. Flugzeuge und Züge müssen erreicht, die schlaueste Autobahnroute will gefunden werden. Aber was soll's? Man nimmt's, wie es kommt, es ist ja schliesslich kein Auftrag, dessen korrekte Erledigung der Chef peinlich genau überprüfen wird. Easy, es sind Ferien! Und siehe da: Ist einmal in Mailand der erste Anschluss verpasst, dann beginnt der Spass so richtig. Dann riecht es nach Abenteuer, von nun an ist Improvisieren angesagt. Das ist der exemplarische Abschied von der Zielorientiertheit und Planbarkeit der Arbeitswelt.

Mit nichts rechnen

Ferien und Reisen heisst auch: Auf alles gefasst sein, mit nichts rechnen, nichts wollen. Oder sagen wir: Wollen kann man ja, aber es spielt letztlich keine Rolle, ob unsere Pläne aufgehen. Man ist ja niemandem Rechenschaft schuldig, was man in den Ferien treibt oder was nicht. Das ist zelebrierte Unverbindlichkeit. Kein Schritt und keine Unternehmung zielt auf Ewigkeit, die Gefahr, in einen Trott zu verfallen wie im Alltagsleben unter dem Jahr, kommt gar nicht erst auf. In einigen Tagen ist alles wieder vorbei, das relativiert selbst Unannehmlichkeiten, die einen zu Hause auf die Palme treiben würden. Ein Gebläse oder die frühmorgens vor dem Hotelfenster lärmenden Bäckergesellen: Müsste nicht sein, aber es ist ja kein Zustand auf Dauer. Und gehört fast ein bisschen zur Exotik der fremden Umgebung.

2.Schnitt, zurück auf Feld eins, nochmals ist es Freitagabend, der letzte Arbeitstag vor den Ferien vorbei. Ein Bier darauf, man hat es verdient, und die grosse Freiheit will gefeiert sein. Aber nicht zu ausgiebig, es geht ja am andern Morgen beizeiten los, die Reise beginnt. Und mit ihr der Stress und die Anspannung. Denn der Druck ist gross: Achtung, fertig, geniessen! Achtung, fertig, entspannen! Es beginnen die zwei oder drei Wochen im Jahr, auf die man sich so gefreut hat, in die man an zermürbenden Arbeitstagen alles Schöne und Gute hineinprojiziert hat. Ferien, das bedeutet ja für eine genau befristete Zeit alles Unangenehme zu eliminieren, alles lange Herbeigesehnte Wirklichkeit werden zu lassen. Eine Herkules-Aufgabe, so fordernd wie das komplexeste Projekt im Büro.

Der Vergleich mit dem Alltag

Und dann diese plötzliche Freiheit von morgens bis abends! Kein vorgegebener Termin, keine zwingenden Vorgaben von aussen: Das überfordert schnell. Also hält man sich auch in den Ferien bald an den Rhythmus und die Gewohnheiten das Alltags. Und ärgert sich natürlich im Stillen darüber, dass man es trotz Ferien und Freiheit nicht schafft, vom Alltagstrott loszukommen. Und geleitet von diesem fängt man automatisch an zu vergleichen. Man ertappt sich dabei, aufzulisten, worauf man fern von heimischer Stube und Bekanntenkreis verzichtet, freiwillig natürlich und eben doch erzwungen. Was einem gegenüber zu Hause fehlt und was in der erträumten Exotik der Feriendestination schlechter ist oder überhaupt nicht funktioniert. Das, gesteht man sich ein, trägt nicht gerade zur Erholung bei.

Das Ferienglück herbeireden

Ebenso wenig wie die bald aufkommenden Zweifel, ob man aus der Palette der hundert Ferienvarianten wirklich die richtige gewählt hat. Wenigstens bezüglich der Ferien frei und selbständig bestimmen, das war ja der Traum – und dann dieses zermürbende «Wäre und hätte man nicht doch besser…?». Man nimmt ja die Versprechungen der Prospekte und die eigenen Ferienphantasien und die Schwärmereien der Nachbarn vom Vorjahr überallhin mit. Und ist angesichts der näher rückenden Heimreise bald mehr unter Druck als zuvor im Geschäft: Man muss ja sich selber und den Bekannten gegenüber eine perfekte Ferienbilanz präsentieren können. Also schummelt man ein bisschen, redet das erträumte Ferienglück herbei. Mit schlechtem Gewissen natürlich. Auch das trägt nicht zur Entspannung bei.

3.So also kann es ablaufen, läuft es Jahr für Jahr ab, nach dem Bier zur Feier des Ferienbeginns. Nachdem man sich, begleitet vom mannigfach geäusserten Kollegenwunsch «Schöne Ferien!», der grossen Freiheit überlassen hat. Die zwei exemplarische Varianten zeigen, wie das mit den Ferien funktioniert. Dass die Erfüllung des Wunsches nach schönen Ferien nämlich gar nicht so entscheidend mit der Feriendestination zu tun hat, wie wir glauben wollen. Ob Ferien gelingen oder nicht, hängt weniger mit der Realität der zwei oder drei Wochen zusammen, sondern ist vielmehr eine Frage der Einstellung. Das Ergebnis dessen, was wir von Ferien erwarten.

Reise zu sich selbst

Der Befund führt von den freien Tagen schon wieder mitten ins Alltagsleben hinein. Denn der Mechanismus von bestätigter oder enttäuschter Erwartung prägt das ganze Leben. Und wie wir arbeiten, leben und sind, so funktionieren wir auch in den Ferien. Die Ferienreise kann also an noch so entlegene und exotische Orte führen: Sie ist immer auch eine Reise zu sich selbst. Auch deshalb ist der Wunsch nach schönen Ferien so zentral.

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