Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Offenes Land – seit Jahrhunderten

Die Niederlande sind nächste Woche zusammen mit Flandern zu Gast in Frankfurt. Ein Anlass, mehr zu erfahren über die Holländer: etwa vom Dirigenten Otto Tausk.
Rolf App
Ein Bild, das das Klischee bestätigt: In Holland sei alles entspannter, sagen viele Besucher. (Bild: Elena Eliachevitch/Getty (Amsterdam, 22. März 2015))

Ein Bild, das das Klischee bestätigt: In Holland sei alles entspannter, sagen viele Besucher. (Bild: Elena Eliachevitch/Getty (Amsterdam, 22. März 2015))

Man kann ihn, in Anlehnung an Richard Wagners Oper, den «fliegenden Holländer» nennen. Ungefähr sechzigmal im Jahr fliegt der Dirigent Otto Tausk von Amsterdam nach Zürich, mal in die eine, mal in die andere Richtung. Jetzt ist er gerade hier, um Wagners «Lohengrin» am Theater St. Gallen zu dirigieren – eine Oper, die «fast» in seiner Heimat spielt: In Brabant, heute ein Teil Belgiens. Und uns zu erzählen, wie das so ist mit den Holländern – und mit den Schweizern.

Ob es tatsächlich stimmt, dass die Holländer keine Gardinen haben? «Was sind Gardinen?» fragt Otto Tausk. «Vorhänge.» «Oh, das haben wir auch nicht. Nur so einen Baum im Wohnzimmer.» Man kann also vermuten, dass die Bereitschaft, andere in die eigene Stube schauen zu lassen, durchaus verbreitet ist. Und dass sie durchaus für eine gewisse Offenheit spricht.

«Sie sind offen für Neues, gerade in der Kultur»

Denn, sagt Otto Tausk: «Die Holländer sind sehr offene Menschen. Sie sind auch offen für Neues, gerade in der Kultur. Es gibt unzählige Ensembles, die sich der Pflege moderner Musik verschrieben haben. Und auch die alte Musik findet bei uns viele Liebhaber. Aus dieser Offenheit entsteht sehr viel.» Dass die Politiker seit einigen Jahren sehr konservativ seien, «das bringt auch die Orchester in eine schwierige Situation; überall wird gespart. Die Politik schätzt das zu wenig.» Kultur ist seit langen Jahrhunderten das grosse Kapital der Niederlande – neben dem Handel, aus dessen glanzvoller Zeit etwa die Grachten und Patrizierhäuser Amsterdams stammen, der grössten Stadt der Niederlande.

Politisch aktiv ist der 1970 in Utrecht geborene Dirigent aber nicht. «Ich bin dazu viel zu oft auf Reisen. Und wenn ich mal da bin in unserem Häuschen ausserhalb von Amsterdam, am Rhein, in der Richtung von Arnhem, dann bin ich für unsere elf und sieben Jahre alten Kinder da. Oder ich koche für die Familie und schalte ab in einer Landschaft mit grünen Wiesen – und mit kleinen Bergen. Die sind aber natürlich nicht so hoch wie in der Schweiz.»

Noch ein Klischee: Ist es wahr, dass die Holländer so viel reisen – und besonders gern Camping machen? «Ja, das stimmt, denn wir sind sehr neugierige Menschen», sagt Otto Tausk. «Deshalb reisen meine Landsleute überall hin. Gerade kürzlich habe ich welche in Australien getroffen.»

Was Holländer und Schweizer unterscheidet

Dabei sind sie dann rasch miteinander ins Gespräch gekommen. Denn, das unterscheidet Schweizer und Niederländer bei allem Gemeinsamen: Die Schweizer legen mehr Wert auf Distanz als die Holländer. Dafür, fügt Otto Tausk hinzu, «sind die Schweizer höflicher. Um Veränderungen zu erreichen, muss man hier mehr reden. In den Niederlanden geht das schneller.»

Es gibt freilich in diesem so offenherzigen und auch weltanschaulich sehr toleranten Milieu seiner Heimat Dinge, über die man ungern spricht. Zum Beispiel über die Kolonialgeschichte. Sie ist der dunkle Fleck in der Geschichte eines Landes, das trotz seiner Kleinheit einmal enorme Macht besessen hat. Den letzten grossen Aufstand auf Java im heutigen Indonesien schlägt die niederländische Regierung zwischen 1825 und 1830 nieder; schätzungsweise 200 000 Menschen kommen dabei um. Und noch vor wenigen Jahren hat der Schriftsteller Geert Mak gesagt, er habe von diesem Massaker nur durch Zufall erfahren – und nicht glauben wollen: «So etwas gehörte nicht zum Lehrstoff der niederländischen Geschichte, auch nicht zu unserem Selbstbild.» Anderes dann schon eher. Etwa der nicht weniger als achtzig Jahre dauernde, vom Prinzen Wilhelm von Oranien angeführte Unabhängigkeitskampf zwischen 1568 und 1648.

«Alles geht mit dem Zug zum Tod»

Die Niederlande – die damals auch das heutige Belgien und Luxemburg umfassen – gehören im 16. Jahrhundert zum riesigen Reich der Habsburger. Kaiser Karl V. regiert es aus der Ferne. Von Spanien aus muss er mit ansehen, wie sich im nördlichen Teil der Niederlande der Calvinismus ausbreitet. Sein Nachfolger Philipp II. begegnet dem mit weit weniger Nachsicht; er schickt Regenten wie den Herzog von Alba, die blutig durchgreifen und bei den stolzen Holländern heftigsten Widerstand wecken. Mehrere Male scheinen sie geschlagen zu sein. Doch 1648 sind die Finanzen Spaniens erschöpft.

Doch mangelt es auch in den folgenden Jahrhunderten nicht an Feinden. England macht den Holländern zur See das Leben schwer, bis diese mit ihrer Flotte sogar die Themse hinauf segeln und die englischen Schiffe zerstören. Napoleon marschiert ein – und 1940 kommen die Deutschen. Königin Wilhelmina flüchtet nach England, systematisch werden von den Nazis die Juden verfolgt und ermordet. Etwa 140 000 Juden leben in den Niederlanden beim Einmarsch der Deutschen, 73 Prozent sterben – weit mehr als in Belgien (40 Prozent) oder in Frankreich (25 Prozent). «Alte, Kinder, Babies, schwangere Frauen, Kranke … alles, alles geht mit dem Zug zum Tod», schreibt Anne Frank in ihr Tagebuch.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.