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«Nicht Werkzeug der Täter sein»

Die Anschläge der letzten Zeit hätten uns die Grenzen des «Jetztzeit-Journalismus» aufgezeigt, sagt Journalistik-Professor Vinzenz Wyss. Er fordert eine Rückbesinnung auf die journalistische Verhaltensethik.
Richard Clavadetscher
Vinzenz Wyss Professor für Journalistik an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften in Winterthur (Bild: zVg)

Vinzenz Wyss Professor für Journalistik an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften in Winterthur (Bild: zVg)

Herr Wyss, uns scheint, Terroranschläge und Amokläufe sind, was den Umgang damit betrifft, zu einer Herausforderung der Medien geworden. Dies nicht zuletzt wegen der technischen Möglichkeiten, die ihnen heute zur Verfügung stehen.

Vinzenz Wyss: Das ist richtig. Der Journalismus hat es nicht einfacher mit all den heutigen Möglichkeiten – im Gegenteil. Die Medien stehen heute gerade deshalb unter unheimlichem Druck, aktualitätsgetrieben auch ungesicherte Informationen oder Gerüchte weiterzugeben. Davon sollte sich Journalismus aber klar unterscheiden.

Nun hatten wir in der letzten Zeit ja eine Häufung solcher Ereignisse. Welches Résumé ziehen Sie, was die Berichterstattung darüber angeht?

Wyss: Paris, Orlando, Nizza, München haben uns das Scheitern des Jetztzeit-Journalismus vor Augen geführt. Jetztzeit-Berichterstattung schürt Gerüchte, vermittelt Halbwahrheiten, gar Verschwörungstheorien. Gleichzeitig ist da der Druck, auf solche Ereignisse mit hohem Nachrichtenwert sofort reagieren zu müssen. Ein Dilemma.

Es waren ja zwei Arten von Ereignissen: Terroranschläge einerseits, Amokläufe anderseits. Würden Sie da Unterschiede machen bei den Regeln für die Berichterstattung?

Wyss: In der Theorie sind das zwar unterschiedliche Ereignisse: Der Amoklauf hat die Raserei des Individuums als Basis, Terrorismus ist eine langfristige Kommunikationsstrategie mit ideologischem Hintergrund. Beide sind jedoch darauf angewiesen, eine öffentliche Plattform zu bekommen. Die Regel der Zurückhaltung gilt meines Erachtens für beide.

Zwei Dinge sind heute und anders als früher möglich: Berichterstattung in Jetztzeit und Detailtreue. Die Frage ist, wie sie die Medienmacher einsetzen sollen.

Wyss: Der Journalismus ist ja immer noch eine Institution, er hat Status. Wenn Journalismus eine Institution mit Status bleiben soll, sich Journalismus also unterscheiden will von geschwätzigen Teilöffentlichkeiten im Internet, muss er die Folgen seines Handelns bedenken, sich an Verantwortungsregeln orientieren. Dies soll er auch gegen aussen kommunizieren: Aufzeigen, weshalb er bestimmte Dinge tut oder eben unterlässt.

Sie erwähnen die sozialen Medien im Internet. Sind die Medienmacher dadurch nicht auch Getriebene? Ihnen sitzen ja diese sozialen Medien im Nacken.

Wyss: Sie sind Getriebene in mehrerer Hinsicht. Einmal in dem Sinne, den Sie erwähnen. Dies gilt insbesondere, wenn Aktualität über andere Postulate wie Richtigkeit oder Einordnung gestellt wird. Es kommt aber noch etwas dazu: Die Medien sind zunehmend mit dem Vorwurf der «Lügenpresse» konfrontiert. Man wirft ihnen vor, Dinge zu verschweigen. Und da steckt ein Medium unweigerlich im Dilemma – wenn es in Jetztzeit Informationen verschweigt, die eben aufgrund einer Verantwortungsethik noch besser zu validieren sind.

Was raten Sie denn hier?

Wyss: Der Journalismus sollte mehr als bis anhin zu einem Bericht auch noch so etwas wie eine Packungsbeilage stellen, in der er im Sinne einer Metakommunikation erklärt, weshalb man sich entschieden hat, so und nicht anders zu berichten.

Auch die Detailtreue gibt immer wieder Anlass zu Diskussionen. Vielleicht zuerst zu den Bildern. Hier scheint uns die Sache noch am klarsten: Keine Leichen zeigen. Ist noch mehr zu fordern?

Wyss: Die Leitlinien des Presserates fordern grundsätzlich zur Zurückhaltung auf. Dies etwa bei der Nennung von Namen. Auch sollen stets die Folgen einer Information bedacht werden: Besteht etwa die Gefahr der Nachahmung? Was bedeutet dies für die Angehörigen? Diese Leitlinien sollten aber aktualisiert werden – gerade in Bezug auf die Terror-Berichterstattung.

Zur Nennung von vollen Namen: Als der Co-Pilot von Germanwings das Flugzeug in den Berg steuerte, nannte der französische Untersuchungsrichter den vollen Namen. Dieser war damit quasi öffentlich. Wie soll sich der Journalist denn hier verhalten?

Wyss: Die Tatsache, dass Untersuchungsbehörden oder Richter den vollen Namen eines Beschuldigten nennen, entbindet Journalisten nicht von der Entscheidung, ob es nun richtig oder falsch sei, den vollen Namen zu nennen. Dies immer unter Abschätzung der Folgen. Der Einwand, ein voller Name sei ja auch im Internet zu finden, zählt nicht. Denn indem er auf die Namensnennung verzichtet, kommuniziert der Journalist auch eine Haltung: Es ist nicht richtig, dass ein Name öffentlich wird, etwa wenn Angehörige dadurch Schaden erleiden können – oder weil man sich damit zum Handlanger des nach Bekanntheit lechzenden Täters macht.

In Frankreich haben sich die Medien ja nun entschlossen, keine Fotos oder Lebensläufe von Gewalttätern mehr zu verwenden. Ein guter Entscheid?

Wyss: Theoretisch ist er folgerichtig: Man soll sich nicht zum Werkzeug für die Kommunikationsstrategie solcher Täter machen. Beim Lebenslauf sehe ich es indes anders: Dieser Kontext kann es dem Medienkonsumenten ja ermöglichen, eine Information auch einzuordnen. Das geht aber auch ohne vollen Namen.

Dass die Journalisten gerade in diesen Zeiten von staatlichen Stellen und der Politik instrumentalisiert werden könnten, diese Gefahr sehen Sie nicht?

Wyss: Doch, diese Gefahr sehe ich durchaus. Ich denke etwa an die Silvesternacht in Köln. Klar ist: Der Journalismus soll sich auch nicht für politische Ziele einspannen lassen – und seien sie noch so nachvollziehbar. Er soll sich gemäss seiner autonomen Logik verhalten.

In der Schweiz stimmen wir bald über das neue Nachrichtendienstgesetz ab. Das setzt gut informierte Stimmbürger voraus. Für die Medien heisst das doch: faktenreiche und genaue Information statt Meinungen, Deinungen, Seinungen. Stehen mediale Selbstbeschränkungen wie in Frankreich dem nicht entgegen?

Wyss: Informiertheit basiert nicht nur auf Fakten. Fakten können je nach Narrativ unterschiedlich interpretiert werden. Eine Lösung scheint mir eher, dass sich Journalisten nicht in einem «Wir-und-die-andern-Narrativ» bewegen, sondern sich mit Referenz auf Werte wie Freiheit oder Sicherheit ganz im Sinne Gottfried Kellers stärker als «Betrachter am Wegrand» sehen.

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