Nicht ohne meine Taschenlampe

Melissa Müller
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Wir ahnten nichts Schlimmes, als wir an einem strahlenden Herbstmorgen im Nordtessin in die Berge aufbrachen. Von Faido gings die Kastanienwälder steil hinauf auf die Alp Ces. Schweissgebadet erreichten wir nach mehreren Stunden die Hochebene mit dem Wasserfall. Da die Bergbauern schon ihre Sachen für den Alpabzug packten, konnten wir nicht bei ihnen übernachten. Meiner Kollegin und mir blieb nichts übrig, als den Abstieg in Angriff zu nehmen. Als wir losmarschierten, tauchte die Sonne bereits hinter den Bergen unter. Dummerweise wählten wir eine uns unbekannte Route ins Tal. Das Tageslicht schwand, und im Wald wurde es stockfinster. Erschöpft hetzten und stolperten wir über Steine und Baumwurzeln; einmal fielen wir auch noch in einen Bach. Was hätten wir gegeben für eine Taschenlampe! «Ich brauch’ mal eine Pause», sagte ich, sank auf den Waldboden und kramte zur Stärkung eine Handvoll Dörrfrüchte aus dem Rucksack. Meine Kollegin setzte sich mit einem Seufzer drei Meter vor mir auf einen Stein. Verzweifelt starrten wir auf die Lichter, die tief unten im Tal glimmten. Plötzlich stellten wir fest, dass meine Freundin auf einem Fels über dem Abgrund sass! Hätte ich nicht zufällig eine Pause eingefordert, hätte sie wohl einen Schritt ins Leere gemacht. Entsetzt kehrten wir um, bis wir wieder den Wanderweg fanden. Von nun an taten wir jeden Schritt besonders bewusst und nahmen uns Zeit, die rot-weissen Wandermarkierungen zu suchen. Zwei Stunden später kamen wir erleichtert im Dörfchen Faido an. «Wir hätten sterben können», sagte meine Kollegin, als wir später in einer Pizzeria mit einem Glas Merlot auf unser Überleben anstiessen. Der Schreck sass uns immer noch in den Gliedern. Seither habe ich auf jedem Ausflug in die Wildnis eine Taschenlampe dabei.

Melissa Müller