Nicht mehr züchten, bitte!

Mit der Zucht von Schildkröten in der Schweiz wollte man den Import der Tiere reduzieren. Das gelang. Doch der Erfolg war so gross, dass es heute zu viele Schildkröten gibt. Auch in Auffangstationen.

Bruno Knellwolf
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Drei Schildkröten in Bruns Garten in Weinfelden, die in Sachen Ernährung sehr genügsam sind. Grünfutter reicht völlig. (Bild: Donato Caspari)

Drei Schildkröten in Bruns Garten in Weinfelden, die in Sachen Ernährung sehr genügsam sind. Grünfutter reicht völlig. (Bild: Donato Caspari)

Bruno Knellwolf

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@tagblatt.ch

So sieht also ein Schildkrötenparadies aus. So wie bei Brigitte und Rolf Brun in Weinfelden. Zwanzig Schildkröten haben hier rund um das Einfamilienhaus ihren Platz, der vorbildlich gestaltet ist. Ein Lernprozess sei das gewesen, sagt Brigitte Brun. Auch sie hätten zu Beginn Fehler in der Tierhaltung gemacht, weil sie schlicht zu wenig über diese faszinierenden Tiere gewusst hätten. Damals im Jahr 1985, als Brigitte Brun auf einem Pannenstreifen der Autobahn A1 bei Oberwinterthur eine wohl ausgesetzte Schildkröte gefunden hat.

Heute ist Rolf Brun bei der Schildkröten-Interessengemeinschaft Schweiz (SIGS) Präsident der Sektion Ostschweiz und kann erklären, wie eine optimale Haltung von Schildkröten aussieht. «Man muss versuchen, das Klima zu imitieren, das im Ursprungsland der Tiere herrscht. Also im Mittelmeerraum», sagt Brun. Die Temperatur sei zentral bei der Schildkrötenhaltung. Geschaffen wird das Mittelmeerklima mit Treibhäusern, so wie sie bei Bruns im Garten stehen. «Das sind ihre Schlafhäuser, in denen sie sich am Morgen schnell aufheizen können», sagt Brun. Schildkröten müssen ihren Körper jeden Tag auf 35 Grad Celsius aufheizen. Deshalb legen sie sich gerne unter die Wärmelampe im Treibhaus.

Die Ernährung sollte aus Wildkräutern, Löwenzahn, Disteln, Winden und Heu bestehen. «Die Gefahr besteht, dass man Schildkröten zu energiereich ernährt. Sie sollten keine Früchte und Gemüse erhalten. In der Natur findet eine Schildkröte keine Bananen», sagt Brun. Weil die Tiere ihren Körper mit der Sonne aufwärmen, brauchen sie keine Energie für ihren Wärmehaushalt. Erhalten sie zu viel energiereiche Nahrung, werden sie zu fett und der Panzer wächst zu stark.

Platz für den Winterschlaf

Zum Dritten ist wichtig, dass die Schildkröten einen Platz haben für ihren Winterschlaf. Die mediterranen Schildkröten schlafen zwei bis vier Monate. Der Schlaf ist genetisch programmiert. «Sie machen einen Winterschlaf, auch wenn es noch nicht so kalt ist», sagt Brun. Winterschlafen können sie im Treibhaus, in einer Kiste im kühlen Keller oder sogar im Kühlschrank. «Ideal bei einer Temperatur zwischen 3 und 8 Grad.» Schildkröten leben zudem nicht in festen Gruppen und machen Wanderungen. Für die Haltung bei uns bedeutet das, dass sie genug Platz brauchen. Werden sie auf zu engem Raum gehalten, werden die Männchen leicht aggressiv. Schildkröten müssen sich deshalb verstecken können, vor allem die Weibchen. Ideal ist eine Gruppe mit einem Männchen und vier Weibchen.

Die Weibchen brauchen zudem einen einladenden Ort für die Eierablage. Eier legen sie auch dann, wenn kein Männchen die Eier befruchtet hat. Bei Bruns machen sie das auf einem Erdhügel, der gegen Süden gerichtet und damit warm ist. Dort vergraben sie ihre etwa 20 Eier pro Jahr. Für Naturbruten ist es in der Schweiz in der Regel zu kalt, der Hitzesommer 2003 war eine Ausnahme. Sonst funktioniert das nur unter Wärmelampen.

Die Zucht von Schildkröten ist keine Hexerei und wurde vor vierzig Jahren stark propagiert. Man wollte die Importe aus den Herkunftsländern, oft Wildfänge, reduzieren mittels gesteigerter Zucht. «Mit zu grossem Erfolg. Heute gibt es in der Schweiz einen grossen Überschuss an Schildkröten», sagt Rolf Brun. Es gibt Züchter, die jedes Jahr viele Eier ausbrüten und diese übers Internet und den Handel verkaufen. Auch an Menschen, die auf die Tiere schlecht vorbereitet sind, vielleicht einfach einem Kinderwunsch nachgegeben haben und sich auch sonst wenig Gedanken über dieses exotische Tier gemacht haben – zum Beispiel darüber, dass diese locker 100 Jahre alt werden können und den Besitzer oft überleben. «Diese Tiere landen dann in Auffangstationen. Oder werden im schlimmeren Fall ausgesetzt.» Im Moment gibt es in der Schweiz vier solche Stationen, eine in der Ostschweiz in Amriswil, die alle überlastet sind.

Aus der Zucht heraus gibt es zudem zu viele Männchen. Die Temperatur beim Brüten beeinflusst bei den Schildkröten das Geschlecht. Wird zu wenig geheizt, gibt es mehr Männchen. Deshalb hat es in den Auffangstationen oft zu viele Schildkrötenmänner, die schwer vermittelbar sind und ein wachsendes Problem in den Stationen darstellen. «Im Moment rechnen wir aus der Zucht mit einem Überschuss von 1000 Schildkröten pro Jahr alleine in der Schweiz», sagt Brun. Stark nachgelassen hat immerhin der illegale Import von Schildkröten aus exotischen Ländern.

Ein weiteres Problem sind die nordamerikanischen Wasserschildkröten. Am bekanntesten ist die farbige Rotwangen-Schmuckschildkröte, die früher sehr gesucht war. Diese Tiere ertragen unser Klima problemlos und sind Allesfresser. Weil sie oft ausgesetzt wurden, leben sie in vielen Weihern und treiben dort ihr Unwesen, weil sie fressen, was der Teich hergibt. Zum Beispiel den Froschlaich und junge Fische. Deshalb gilt die Wasserschildkröte heute als invasive Art, die weder gehandelt noch gehalten werden darf. Letzteres wird aber nicht geahndet, wenn sie ein Besitzer ausbruchsicher im ­Hause hält. Vermehren können sich die Wasserschildkröten in Schweizer Teichen nicht, weil es dafür hierzulande zu kalt ist.

Weltweit gibt es mehrere Hundert Arten. In der Schweiz werden zur Hauptsache drei Mittelmeerarten gehalten: die Griechische Landschildkröte, die Breitrandschildkröte und die Maurische Landschildkröte. Die einheimische im Freien lebende Wasserschildkröte wurde dage­gen ausgerottet. Nun gibt es Versuche, diese Sumpfschildkröte wieder nachzuzüchten und anzusiedeln.

Am 23. Mai ist der Internationale Tag der Schildkröte. Dann wird der Verein sein wichtigstes Anliegen unter die Leute bringen: «Man sollte auf keinen Fall züchten, um Schildkröten zu verkaufen», sagt Rolf Brun.

www.sigs.ch

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