Nicht ganz frische Fische

13 Jahre nach «Findet Nemo» folgt eine Fortsetzung. «Findet Dorie» ist flotte, familiengerechte Unterhaltung. Überraschungen halten sich in Grenzen.

Walter Gasperi
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«Überrasche mich!» war die Forderung des Gourmetkritikers Anton Ego im Pixar-Film «Ratatouille» an den Küchenchef – und zu überraschen vermochte das Animationsstudio Publikum und Kritiker seit «Toy Story» (1995), dem ersten vollständig am Computer animierten Langfilm, immer wieder. Während Hollywood bei den Realfilmen mit Sequels, Remakes und standardisierten Mustern langweilte, schufen Pixar und andere Animationsstudios stets neue Welten und verliehen ihren animierten Figuren eine Gefühlstiefe, die die der realen Schauspieler oft übertraf. Von der zerstörten Erde in «Wall-E» (2008) über den berührenden «Oben» (2009) bis zur phantastischen Reise durch die Psyche eines Mädchens in «Inside Out – Alles steht Kopf» (2015) spannte sich der Bogen. Weniger Tiefgang hatte zwar «Findet Nemo» (2003), vermochte aber mit der gefühlvollen Familiengeschichte, seiner knallbunten Meereswelt und erzählerischem Einfallsreichtum auch bestens zu unterhalten.

Statt Australien nun Kalifornien

Der Überraschungseffekt fällt bei «Findet Dorie» weg, denn die orangen Clownfische Marlin und sein Sohn Nemo kennt man ebenso wie den blauen Paletten-Doktorfisch Dorie. War Dorie in «Nemo» eine Nebenfigur, die für Witz sorgte, steht sie hier im Zentrum. Obwohl sie an Amnesie leidet, kann sie sich plötzlich dunkel erinnern, dass ihre Eltern an der Küste von Kalifornien lebten. So macht sie sich mit Marlin und Nemo auf die Suche. Und so, wie Schildkröten sie im Vorgängerfilm mit dem ostaustralischen Strom nach Sidney brachten, so bringen nun die gleichen Schildkröten sie mit dem Kalifornienstrom an die Westküste der USA.

In 3D wird das nun freilich geboten, gewohnt detailreich und technisch perfekt ist die Ausführung, doch gering bleiben gegenüber «Nemo» die Variationen in der Story, wenn als Schauplatz an die Stelle des Aquariums eines Zahnarztes ein meeresbiologisches Institut tritt.

Behinderte Tiere helfen sich gegenseitig

In der überschaubaren Geschichte, dem im Vergleich zu Filmen wie «Inside Out» gedrosselten Erzähltempo, aber auch im Verzicht auf einen doppelten Boden ist «Findet Dorie» sehr kindgerecht angelegt. Grossartig ist freilich, wie diesen Fischen Menschlichkeit eingehaucht wird, so dass man mit ihnen mitfühlt. Denn nicht nur die an Amnesie leidende Dorie hat mit einer Behinderung zu kämpfen, sondern auch ein siebenarmiger Octopus – gewissermassen ein Septopus –, ein kurzsichtiger Walhai oder ein Beluga, dessen Echolot defekt ist. Jedes Selbstbewusstsein fehlt diesen Tieren. Sie wollen lieber in den sicheren Becken des Meeresparks dahinvegetieren, als den Schritt in die Freiheit zu wagen, bis sie sich doch gegenseitig motivieren.

Unaufdringlich und aus der Handlung heraus wird so nicht nur für Akzeptanz von Menschen mit Behinderung plädiert, sondern die Betroffenen selbst werden aufgemuntert, sich trotz Defiziten nicht zu verkriechen, sich ihren Schwächen zu stellen, sie selbstbewusst zu akzeptieren und sich auf ihre Stärken zu besinnen: «Was du willst, schaffst du!» lautet das zentrale Motto.

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