Nicht einfach kleine Erwachsene

Ist das eigene Kind krank, sind wir alle froh um eine Behandlung, die wissenschaftlichen Kriterien standhält. Doch dazu sind klinische Studien nötig – auch an Kindern.

Andrea Söldi
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Eine Dosierung, die Erwachsenen hilft, kann für Kinder tödlich sein. Oder wirkungslos. (Bild: fotolia)

Eine Dosierung, die Erwachsenen hilft, kann für Kinder tödlich sein. Oder wirkungslos. (Bild: fotolia)

Kinder als Versuchskaninchen – bei dieser Vorstellung sträuben sich einem die Haare im Nacken. Doch dabei geht gern vergessen: Um Kinder mit schweren Krankheiten zu therapieren, müssen die Medikamente und Behandlungsmethoden zuerst ausprobiert werden. Ein grosser Teil der medizinischen Mittel wurde nur für die Behandlung von Erwachsenen getestet und zugelassen.

Keine kleinen Erwachsenen

Doch Kinder sind nicht einfach kleinere Menschen. Ihre Organe sind zum Teil noch nicht ausgereift. So können das Gehirn, die Leber, die Niere oder das Abwehrsystem anders funktionieren als bei Erwachsenen. Medikamente, die ausgewachsene Personen gut vertragen, können bei ihnen im schlimmsten Fall toxisch sein. In anderen Fällen wirken sie gar nicht. Manchmal reagieren Kinder sogar gegenteilig auf Medikamente. Dieser Effekt wird zum Beispiel bei Jungen und Mädchen mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) genutzt. Beim Ritalin, das sie beruhigt, handelt es sich eigentlich um ein stimulierendes Mittel aus der Gruppe der Amphetamine.

Einfach die Dosis dem Körpergewicht anzupassen, ist deshalb eine heikle Sache. Obwohl sich Kinderärzte dessen bewusst sind, müssen sie häufig Medikamente für Erwachsene verabreichen, weil sie nichts anderes zur Verfügung haben. Meist geht das gut. Doch statt nach wissenschaftlich hieb- und stichfesten Fakten richten sich die Ärzte nach ihren Erfahrungswerten.

Kinderspitäler

Diese unbefriedigende Situation soll sich nun verbessern. Vor zwei Jahren haben sich acht Kinderkliniken in der Schweiz zum sogenannten SwissPedNet zusammengeschlossen. Das Netzwerk hat sich zum Ziel gesetzt, die Forschung voranzutreiben. Krankheiten seien bei Kindern in der Regel seltener als bei Erwachsenen, erklärt David Nadal, Direktor des Forschungszentrums für das Kind am Kinderspital Zürich. Um für klinische Studien genügend Teilnehmer zusammenzubringen, müssten Kinderspitäler deshalb stärker zusammenarbeiten.

Kooperationen für spezifische Krankheiten – zum Beispiel die Behandlung von Krebspatienten – gab es schon zuvor. Mit der neuen Organisation erhofft man sich nun jedoch eine bessere Koordination der Projekte sowie mehr Gelder vom Bund und aus der Wirtschaft.

Eltern im Dilemma

Bei pädiatrischen Studien sind es meist die Eltern, die entscheiden müssen, ob ihr Sohn oder ihre Tochter teilnehmen soll. Dies bringt sie nicht selten in schwierige Situationen. Setzen sie ihr Kind einem Risiko aus? Muten sie ihm Schmerzen oder andere Beschwerden zu? Hat der Arzt wirklich das Wohl des Kindes im Auge, oder ist ihm vor allem der wissenschaftliche Fortschritt wichtig? Solche Fragen müssen Eltern manchmal unter Zeitdruck entscheiden. Eine gute Kommunikation ist eine wichtige Voraussetzung. Ziel der Studie sowie Vor- und Nachteile für das Kind müssen in gut verständlicher Sprache erklärt werden. Wichtig ist auch, dass der behandelnde und der studienleitende Arzt nicht ein und dieselbe Person sind.

Dass solche grundlegenden Kriterien eingehalten werden, gewährleisten die kantonalen Ethikkommissionen. Sie müssen Studiendesigns prüfen und bewilligen. Die aus Ärzten, Psychologen, Theologen, Pflegeexperten, Pharmakologen und Ethikern zusammengesetzten Kommissionen berücksichtigen bei ihren Entscheiden diverse Aspekte. Die Studie muss für künftige Patienten einen bedeutenden Mehrwert bringen. Die Durchführung soll wissenschaftlich solide sein. Probanden müssen fair ausgewählt werden. Das Verhältnis zwischen geschätztem Risiko und erhofftem Nutzen sollte günstig ausfallen.

«Kinder gehören zu einer besonders verletzlichen Gruppe», erklärte André Perruchoud, Präsident der Ethikkommission Nordwest- und Zentralschweiz anlässlich einer Medienorientierung Anfang Jahr in Zürich. «Deshalb werden bei ihnen spezielle Schutzmassnahmen berücksichtigt.» So werden an Minderjährigen zum Beispiel keine Methoden erforscht, die ebenso gut an Erwachsenen getestet werden könnten. Unethisch wäre es zudem, Medikamente in Afrika zu testen, wenn sie schliesslich vor allem Kindern in reicheren Ländern zugute kommen. Zudem sei die Beurteilung des Risiko-Nutzen-Verhältnisses besonders streng, und die Kommunikation werde genau unter die Lupe genommen, wie Perruchoud weiter ausführte. Häufig macht die Kommission Vorschläge, wie die mündlichen und schriftlichen Informationen kürzer und verständlicher erfolgen können. Besonderen Wert legen die Ethiker auch auf Schmerz- und Angstbekämpfung.

Medizin weiterentwickeln

Bei ganz seltenen Krankheiten jedoch sind Studien wegen der geringen Zahl von Betroffenen nicht möglich. Ärzte haben dann die Möglichkeit, es mit einem Heilversuch zu probieren. Dies ist vor allem dann eine Option, wenn man nicht viel zu verlieren hat, weil das Kind schwer krank ist. Auch in solchen Fällen müssen Eltern gut informiert werden. Richtlinien dazu gibt die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften heraus. Während die Resultate von wissenschaftlichen Studien publiziert werden müssen – auch wenn die Hypothese nicht bestätigt werden konnte –, ist dies bei Heilversuchen nicht vorgeschrieben.

«Wenn wir wegen diffuser Vorurteile keine Studien machen können, bleibt die Medizin stehen», verdeutlicht David Nadal und stellt die rhetorische Frage: «Wer ist nun wirklich das Versuchskaninchen? Das Kind, das an einer Studie teilnimmt und dabei gut überwacht wird, oder dasjenige, welches keine Therapie erhält?»

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