«Newsweek» greift nach dem Rettungsring

Die Tage des traditionsreichen Nachrichtenmagazins «Newsweek» auf Papier sind gezählt. Mit der ersten Ausgabe des neuen Jahres erscheint das Magazin nur noch digital.

Thomas Spang/Washington
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Zum letzten Mal in gedruckter Form: «Newsweek». (Bild: epa)

Zum letzten Mal in gedruckter Form: «Newsweek». (Bild: epa)

Ende 2012 erhielten die Abonnenten die letzte gedruckte Ausgabe eingeschlagen zwischen zwei Kartondeckeln. Darauf gab das vor achtzig Jahren erstmals erschienene Magazin seinen Lesern eine Wahl, die keine war. Bei Überlassung der E-Mail-Adresse und Angabe des gewünschten digitalen Formats können sie «Newsweek» für die Restlaufzeit ihres Abos kostenfrei für iPad, Android-Tablett oder Online beziehen. Oder alles verfällt ohne Rückerstattung.

Wie viele der 1,5 Millionen Leser «Newsweek» treu bleiben, ist noch unklar. Gewiss dürfte es die grösste bestehende Leserbasis sein, mit der bisher ein «nur-digitales» Magazin an den Start geht.

Als Innovation verkauft

In der letzten Print-Ausgabe verkaufte die illustre Chefredaktorin Tina Brown den Übergang in die digitale Welt als mutige Innovation. «Wir gehen das digitale Medium mit einer Begeisterung an, die alle unsere Konkurrenten eines Tages werden aufbringen müssen. Wir sind ihnen einen Schritt voraus.»

Tina Brown verspricht, dass «Newsweek» noch einmal Geschichte macht. Diesmal nicht als erstes Magazin, das Meinungsumfragen in seine Berichterstattung integrierte und zusammen mit «Time» die Themen der Woche setzte. Sondern mit einem digitalen Geschäftsmodell, das Geld verdient. Bisher nämlich gelang es den Verlagen trotz erheblicher Investitionen in Online- und mobile Tablet-Ausgaben nicht, die Verluste aus dem Geschäft mit dem auf Papier gedruckten Wort zu kompensieren.

«42 Millionen Dollar im Jahr allein durch den Verzicht auf Print und Distribution einzusparen, ist ein starkes Argument», rechtfertigt Tina Brown das gewagte Konzept. Eines, das nüchtern betrachtet aus der Not heraus geboren wurde. Nur drei Monate nachdem der Stereoanlagen-Milliardär Sidney Harman das defizitäre Magazin für nur einen Dollar von der «Washington Post» übernommen hatte, verstarb der 92jährige Philanthrop. Im Unterschied zu dem grosszügigen Patriarchen, signalisierten dessen Erben, sie hätten kein Interesse, jedes Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag zuzuschiessen.

Fast die Hälfte verloren

Auch Medienunternehmer Barry Diller, der das Online-Spin-Off «The Daily Beast» finanziert, das Brown in die Ehe mit «Newsweek» einbrachte, zeigte wenig Neigung, die Last alleine zu schultern. Während das «Biest» zuletzt um 70 Prozent auf insgesamt 15 Millionen Leser im Jahr zulegen konnte, verlor «Newsweek» fast die Hälfte seiner Auflage.

Fusion missglückt

Zudem war die Fusion missglückt. Tina Brown hatte es nicht geschafft, die kulturellen Spannungen zwischen den Edelfedern von «Newsweek» und der jungen Garde von «Daily Beast» abzubauen. Die schlechteren Karten hielt dabei zweifelsohne das Traditionsmagazin in der Hand. Deshalb setzen Brown und Diller alles auf eine Karte. «Wir sind eine globale Marke», beschreibt die Chefredaktorin die Chancen des Versuchs. Mit einigen hunderttausend Abonnenten kann sich das digitale «Newsweek» als interessanter Werbeträger anbieten und – so die Hoffnung – damit auch ordentliche Online-Werbepreise durchsetzen.

Darüber hinaus plant «Newsweek», wie die «New York Times» eine Bezahl-Schranke einzuführen. Wer das Magazin oft liest, muss künftig auch seinen Beitrag leisten. Der Branche bleibt nichts anderes übrig, als auf ein erfolgreiches Modell zu hoffen, das die Abwärtsspirale stoppt. Laut einer Untersuchung des Meinungsforschungs-Instituts PEW schrumpfte in den USA seit dem Jahr 2000 die Zahl der täglichen Zeitungsleser auf ein Viertel zusammen.

Der prominenteste Fall

«Newsweek» ist das bisher prominenteste Print-Produkt in den USA, das nach dem digitalen Rettungsring greift. Im Tageszeitungsbereich schlug der sehr viel kleinere «Christian Science Monitor» diesen Weg ein, während in New Orleans die Times-Picayune damit experimentiert, nur noch von Freitag bis Sonntag auf Papier und sonst online zu erscheinen.