«Neugierig und offen bleiben»

Immer mehr Neupensionierte brauchen professionelle Hilfe (siehe Ausgabe von Donnerstag): Michèle Dubois berät sie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften – und weiss, womit sie hadern.

Diana Bula
Merken
Drucken
Teilen
Michèle Dubois Psychologin und Beraterin für Pensionierte an der ZHAW (Bild: pd)

Michèle Dubois Psychologin und Beraterin für Pensionierte an der ZHAW (Bild: pd)

Frau Dubois, Sie sind 62 Jahre alt. Freuen Sie sich schon auf Ihre Pensionierung?

Michèle Dubois: Einerseits ja, sicher. Es wird aber auch Dinge geben, die mich herausfordern werden. Etwa werde ich mich nicht mehr über den Beruf definieren können, ich werde mich neu erfinden müssen, wie alle.

Haben davor auch die Menschen Angst, welche Ihre Pensionierungsberatung aufsuchen?

Dubois: Mit dem Job fällt eine Bestätigung weg, die der Mensch braucht. Er empfindet es oft als persönliche Kränkung, beruflich nicht mehr gefragt zu sein. Viele Leute fühlen sich laut Studien zehn bis zwölf Jahre jünger als sie tatsächlich sind. Sie erleben sich als aktiv und energievoll, wollen mit 64 oder 65 Jahren noch Pläne schmieden und sich nicht wie auf dem Abstellgleis fühlen. Von einem Tag auf den anderen fallen nun aber zentrale soziale Rollen und damit Persönlichkeitsfacetten weg. Das kann Angst machen, in ein Loch oder gar in eine Depression zu fallen. Bei diesem Übergang braucht es eine Neuorientierung. Pensionäre machen nun mit sich aus, worin der Sinn des Lebens fortan liegen soll. Das in der nachberuflichen Zeit herausfinden zu dürfen, ist ein Geschenk.

Nachberufliche Zeit… Sprechen Sie bewusst nicht vom Ruhestand?

Dubois: Ja. Früher, als die Arbeit dem Körper noch viel abverlangte, hat man sich nach der Pensionierung zuerst tatsächlich erholen müssen und ist deshalb oft einfach auf dem Bänkli gesessen. Da passte das Wort Ruhestand noch. Heute aber leben die Menschen länger, im Durchschnitt werden sie 78 bis 84 Jahre alt. Die Pensionäre sind vielfach fitter – und aktiver. Da kann nicht mehr von Ruhestand die Rede sein. Wir sprechen lieber von der nachberuflichen Zeit. Und die dauert mehrheitlich so lange wie die Kindheit und die Jugend zusammen, etwa zwanzig Jahre. Das ist viel Zeit, um sich Wünsche zu erfüllen und Themen zu widmen, für die neben Arbeit und Familie keine Zeit blieb.

Zwei Menschen, die genug Geld haben, sich anlachen und ohne Ende reisen: In der Werbung wird der neue Lebensabschnitt stets als Paradies dargestellt. Nicht alle empfinden die Pensionierung aber als späte Freiheit…

Dubois: Wer gesund ist und neben dem finanziellen Kapital auch ein soziales Kapital angelegt hat, ist gut vorbereitet. Wer jedoch viel gearbeitet und es verpasst hat, einen Freundeskreis aufzubauen, der steht ohne Struktur plötzlich ziemlich alleine da. Umso wichtiger ist es, nun neue Wege zu gehen und das Verpasste anzupacken. Eine professionelle Begleitung unterstützt dabei.

Wer lässt sich bei Ihnen beraten?

Dubois: Etwa fünfzig Menschen jährlich, die Zahl steigt stetig – weil die Menschen die Zeit nach der Pensionierung gestalten und nicht nur absitzen wollen. Es sind Leute, die sich Fragen stellen zu sich und ihrer Zukunft, die sich gerne Fragen stellen lassen, um ihre Situation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Manchmal werden auch nur Informationen gebraucht. Wie lange die Begleitung dauert, hängt von der Frage des Klienten ab. Das reicht von einer einmaligen Beratung bis zu einem längeren Prozess.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, sich über die Zeit nach dem Job Gedanken zu machen?

Dubois: Das ist sehr individuell. Optimal ist es, wenn der neue Lebensabschnitt geplant werden kann. Das kann ab 55 Jahren, mit 62 oder wann auch immer sein. Es braucht Zeit, sich über die eigenen Träume klar zu werden. Bis es so weit ist, kann man schon mal gewisse Dinge ausprobieren, ein Hobby vertiefen – oder Beziehungen ausserhalb des Büros wieder bewusst pflegen.

Braucht es denn gleich einen Businessplan fürs Alter?

Dubois: Nein, der wird in unserer Beratung auch nicht ausgearbeitet. Ich gebe nur Impulse, damit das Gegenüber in sich hineinhorcht. Reisen kann erfüllend sein – für einige Zeit. Danach will man aber wieder gebraucht werden. Nur wie? Wer es gewohnt war, Menschen zu führen, möchte das vielleicht weiterhin tun und leitet Exkursionen des Naturschutzvereins. Andere ziehen es gerade vor, etwas zu unternehmen, das wenig mit früher gemein hat. Sie engagieren sich in der Freiwilligenarbeit, betreuen Enkelkinder und helfen Nachbarn. Wer gibt, erhält Wertschätzung.

Wenn man die nicht bekommt, zeigen sich die ungesunden Seiten der Rente?

Dubois: Im Nichtstun ist die Zeit nach der Pensionierung ungesund. Leidenschaft und Sinn führen zu einem erfüllten Dasein. Wer inaktiv ist, fordert sein Hirn zu wenig heraus, dabei will es denken. Das Alter kennt auch Gefahren wie Einsamkeit, Depression und Sucht. Soziale Aktivitäten und vertieftes Interesse beugen all dem vor. Und sei es, dass man Schmetterlinge katalogisiert, Biogemüse im Schrebergarten züchtet oder sich in einer Lesegruppe austauscht.

Viele Firmen bieten Kurse für Menschen an, die bald in Pension gehen. Wird dort genug aufgeklärt?

Dubois: Die Teilnehmer erfahren, wie sie sich finanziell auf den neuen Abschnitt vorbereiten müssen. Unterdessen gibt es auch Unternehmen, welche die Partner der Betroffenen mit einladen. Diese Umstellung von der beruflichen zur nachberuflichen Phase bedeutet auch, dass sich das Paar nicht mehr nur morgens und abends sieht, sondern den ganzen Tag miteinander teilt. Andere wichtige Themen wie die soziale Vorsorge kommen aber oft nicht zur Sprache.

Zusammen sein oder alleine Ausflüge unternehmen, das Leben nehmen, wie es kommt, oder dem Tag Struktur geben: Diese Balance ist keine einfache Sache, wenn man viele Jahre lang nach Schema gearbeitet hat.

Dubois: Ja, auch das ist Thema in unserer Beratung. Pensionierte lernen wieder, kein Rad im beruflichen System mehr zu sein, nicht mehr der Firma verpflichtet zu sein, sondern die Freiheit zu haben, die eigenen Ansprüche ins Zentrum zu stellen. Diese Flexibilität zu erkennen und sie auskosten zu können, das kann andauern. Wer dieser Phase aber mit Offenheit und Neugier begegnet, wird sie geniessen.

Pensionierte müssen wieder lernen, kein Rad im beruflichen System mehr zu sein – und ihre Freiheit auszukosten. (Bild: fotolia)

Pensionierte müssen wieder lernen, kein Rad im beruflichen System mehr zu sein – und ihre Freiheit auszukosten. (Bild: fotolia)