Neue Mission, viel Vertrautes

Gestern feierte «Spectre» seine Schweizer Premiere im Hallenstadion Zürich vor über 4000 Personen. Mit dabei «Miss Monneypenny» Naomie Harris.

Andreas Stock
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Grosse Bond-Premieren gehören in der Schweiz mittlerweile dazu. Diesmal ist sie im Zürcher Hallenstadion. Ob es ein Erlebnis ist, sich dort einen Film anzusehen? Kaum zu beurteilen, weil Journalisten nicht zur Vorführung zugelassen sind. Die Tickets für die Premiere gingen vor allem an Sponsoren und geladene Gäste. Ein paar hundert Tickets sollen in den freien Verkauf gegangen sein.

Erst küssen, dann sterben

Auf dem Roten Teppich vor dem Hallenstadion ist Naomie Harris der Star, denn die Hauptdarsteller Daniel Craig, Christoph Waltz und Ralph Fiennes sind nicht dabei; sie werden heute in Berlin ihren Pflichten nachkommen. Die britische Schauspielerin, die zum zweiten Mal Eve Moneypenny spielt, zeigt sich einen Tag nach der Weltpremiere in London als sympathischer Star, der geduldig und gutgelaunt Fragen auf dem Roten Teppich beantwortet. Sie sei kein Bond-Girl, sagt Harris. «Bond-Girls dürfen ihn küssen und müssen dann sterben. Da bleibe ich lieber Miss Monneypenny.» Begleitet wird Harris von Dave Bautista, der den Bösewicht Hinx spielt sowie vom jungen assoziierten Produzenten Gregg Wilson. Er erzählt, er habe in der Schweiz nach Drehorten für «Spectre» gesucht. Schliesslich habe man sich für Österreich entschieden, weil dort alles besser zusammen gepasst habe.

Unter den geladenen Gästen zahlreiche nationale Prominenz, die am Roten Teppich unter anderem über ihren Lieblings-Bond-Film befragt werden. Die meisten erwarten einen tollen neuen Bond-Streifen.

Nostalgische Anspielungen

Nach dem enormen finanziellen Erfolg von «Skyfall» und begeisterten Kritiken sind die Erwartungen an «Spectre» tatsächlich gross. Möglicherweise eben zu hoch. «Skyfall» profitierte insbesondere davon, dass er einen erfrischend neuen Blick auf den Charakter des Superagenten warf. Die persönliche Geschichte von 007 war ein zentraler Bestandteil der Story. Regisseur Sam Mendes und die Drehbuchautoren hatten angekündigt, sie würden das im 24. Bond-Abenteuer vertiefen. Dieses Versprechen halten sie.

«Die Toten sind lebendig», mit diesen Worten beginnt «Spectre». Das bezieht sich einerseits auf die Auftaktszene, die während des Totenfestes in Mexiko City spielt. Anderseits darauf, dass manche für tot gehalten werden, die lebendiger sind, als Bond lieb sein kann. Natürlich ist Judi Dench, die als «M» in «Skyfall» gestorben war, damit nicht gemeint. Aber sie gehört mit zu jenen toten Freunden und Feinden aus der jüngeren Bond-Reihe seit «Casino Royal», auf die in «Spectre» oft verwiesen wird. Überhaupt wird es ziemlich nostalgisch: es gibt mehrere Anspielungen auf vorangegangene Bond-Filme.

In «Skyfall» hatte Sam Mendes neben rasanter Action vor allem auch mit einer für Bond-Filme eher ungewohnt atmosphärischen, ruhigen Inszenierung überzeugt. Drei Jahre danach sind manche Bilder immer noch in bester Erinnerung, beispielsweise eine sinnliche Rasur mit Moneypenny oder die elegante, fesselnde Scharfschützen-Szene im Hochhaus. Eine solche visuelle Überraschung fehlt. Jedenfalls ist zunächst kein Bild aufgefallen, dem man eine solche ikonographische Kraft zutraut.

Teurer und länger

Das bedeutet nicht, dass das neue Abenteuer keine spektakulären Aufnahmen bieten würde; immerhin soll der Film rund 300 Millionen gekostet haben – mehr als jeder Bond bisher. «Spectre» ist temporeich, hat eindrückliche Schauplätze und die Action-Szenen sind spektakulär. So jagt Bond im Sportflugzeug drei Autos nach, wobei aus dem Flieger ein Schneefahrzeug wird. Es gibt eine rasante Autoverfolgung durch das nächtliche Rom mit einem Abstecher auf den Petersplatz und mehr.

James sieht sich einmal mehr in der Situation, die Welt im Alleingang retten zu müssen. Insofern bewegt sich «Spectre» auf vertrautem Terrain, weist aber trotz Rekordlänge von 148 Minuten keine Längen auf. Daniel Craig, der erstmals als Co-Produzent fungiert, hat sich die Rolle wie einen seiner Massanzüge zu eigen gemacht; sein Bond überzeugt wieder in der Kombination aus Kaltblütigkeit und verschütteter Emotionalität. Zudem haben ihm die Drehbuchautoren einige ironische Bemerkungen in den Mund gelegt. «Das tönt alles wunderbar», meint er trocken, als man ihn stärker unter Kontrolle nehmen will.

Christoph Waltz als Bösewicht spielt den Part in von ihm vertrauter Manier, wobei er vor allem in jenen Szenen überzeugt, in denen er fast gar nichts tut. Und dann sind da natürlich die Bond-Girls, unter denen Monica Bellucci einen Kurzauftritt hat. Ein zeitgemässeres Frauenbild darf Léa Seydoux verkörpern. Sie spielt eine Frau, die sich nicht gleich in die Arme von James wirft und sich durchaus zu erwehren weiss.