Napoleon bleibt der «Star» von Waterloo

In Europa bahnt sich ein historisches Déjà-vu-Erlebnis an: Morgen Donnerstag werden aus allen Richtungen Europas noch einmal Zehntausende nach Waterloo ziehen – für die mehrtägige historische Nachstellung, die grösste, die Europa je gesehen hat.

Stefan Brändle/Waterloo
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In Europa bahnt sich ein historisches Déjà-vu-Erlebnis an: Morgen Donnerstag werden aus allen Richtungen Europas noch einmal Zehntausende nach Waterloo ziehen – für die mehrtägige historische Nachstellung, die grösste, die Europa je gesehen hat. Alles soll so authentisch wie möglich sein – bis hin zum speziellen Eau de Cologne, das Napoleon Bonaparte an jenem schicksalhaften 18. Juni 1815 trug.

Und was soll das ganze Spektakel? «Erinnerungskultur», nennt es Martin Klöffler, der den Generalstabschef der preussischen Truppen spielt und das Schlachtfeld gerade zum letzten Mal inspiziert. 200 Jahre sind immerhin lang genug, damit «keine moralischen Bedenken» aufkommen, meint Klöffler mit Verweis auf die späteren Weltkriege, die mit Giftgas und Genozid endeten. Heute gedenken sogar die Verlierer mit: Beim Quartier Belle-Alliance pützeln drei Arbeiter am Monument des napoleonischen Adlers; mit Goldpapier verschönern sie das «N» im Eisenzaun. Dass eine grosse Nation keine Gefühle wie Schuld oder Zerknirschtheit kennt, zeigt sich ein paar Schritte weiter: Eine Champagnerbar namens Victor Hugo lädt zum Anstossen auf den französischen Feldherrn ein. Napoleon mag die Schlacht verloren haben, der «Star» von Waterloo bleibt er allemal.

«Das war seine schönste Niederlage»

Bei dem Beobachtungsposten, den Napoleon während der Schlacht «ab 16 Uhr» (so das Hinweisschild) einnahm, schwärmt ein Rentnerpaar von dem «französischen Genie», das Europa das Zivilrecht und andere Errungenschaften der Revolution gebracht habe. Wenn Bonaparte bei Waterloo gewonnen hätte, wäre Europa nicht der Restauration durch die Monarchisten anheimgefallen, mutmassen die frankophonen Belgier. Und so richtig verloren habe Napoleon gar nicht, findet die Frau: «Waterloo war seine schönste Niederlage.»

Verewigt hat sich die alte Rivalität zwischen Frankreich und England. Sie bricht noch heute in jedem Rugbymatch der beiden Nationalteams durch. Wenn Franzosen mit dem Eurostar-Zug durch den Ärmelkanal reisen, empfinden sie es als Beleidigung, in der Londoner Waterloo Station ankommen zu müssen. Umgekehrt sehen die Briten in der Art, wie Napoleon Europa unterjochen wollte, einen bleibenden Beleg dafür, dass die EU französisch gedacht und beherrscht sei. Dabei wäre Waterloo gerade ein Argument gegen den «Brexit»: Wellington hatte den Korsen nur mit Hilfe von Holländern, Norddeutschen und Preussen niedergerungen. Allein hätten es die Briten in Waterloo nicht geschafft; vereint bewahrten sie hingegen das europäische Mächtegleichgewicht, das die älteste Maxime britischer Europapolitik darstellt. Heute würde ein EU-Ausstieg Englands dieses Gleichgewicht zerstören und die Vorherrschaft Deutschlands und Frankreichs in Europa zementieren.