Nachruf auf gestaltete Schöne

Morgen wird das letzte Typotron-Heft im Paul-Grüninger-Stadion präsentiert. Damit endet eine Schriftenreihe, die weit über die Grenzen St. Gallens hinaus im In- und Ausland für Aufsehen gesorgt hat. Ein Rückblick.

Michael Guggenheimer
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Rolf Stehle und seine Typotron-Hefte: Mit «Zeug» ist Schluss, weil Stehle seine Druckerei verkauft hat und die Nachfolger die Reihe nicht fortführen wollen. (Bild: Ralph Ribi)

Rolf Stehle und seine Typotron-Hefte: Mit «Zeug» ist Schluss, weil Stehle seine Druckerei verkauft hat und die Nachfolger die Reihe nicht fortführen wollen. (Bild: Ralph Ribi)

Neunhundert Sitzplätze bietet die Tribüne im St. Galler Paul-Grüninger-Stadion. Morgen abend wird dort ein letztes Spiel durchgeführt: Das 31. Typotron-Heft wird an einem Festanlass all jenen als Geschenk überreicht, die dort sein werden. Es ist das allerletzte Heft einer Publikationsreihe, die weit über St. Gallen hinaus im In- und Ausland grosse Beachtung findet.

Druckerei verkauft

Vor genau dreissig Jahren hat der St. Galler Drucker Rolf Stehle mit den Typotron-Heften eine viel beachtete Schriftenreihe lanciert, die seither Jahr für Jahr um eine weitere Publikation erweitert wurde. Mit dem 31. Heft, das den Titel «Zeug» trägt und dem St. Galler Kabarettisten, Zeichner, Musiker und Erzähler Manuel Stahlberger gewidmet ist, erfährt eine gestalterisch bemerkenswerte Tat ihr Ende. Weil er seine Druckerei verkauft hat und weil seine Nachfolger an der Reihe kein Interesse zeigten, griff Rolf Stehle tief in sein privates Portemonnaie, um ein allerletztes Typotron-Heft drucken zu lassen und Freunden des schönen Druckwerks zu verteilen. Materieller Gewinn stand bei der Reihe nie im Vordergrund, vielmehr war es Freude an der besonderen Gestaltung.

Gedacht waren die Typotron-Hefte zunächst als Weihnachtsgeschenk für Geschäftspartner und Freunde. Angefangen hatte das Ganze bei einem Gespräch mit Buchgestalter Jost Hochuli, der die ersten 17 Hefte gestaltet hat. Vier Hefte hat der Weinfelder Kaspar Mühlemann gestaltet, dreimal war es ein Gestalterkollektiv aus Frankfurt, das ihm gewidmete Heft hat Künstler Max Oertli selber gestaltet und sechs Hefte tragen die Handschrift der St. Galler Gestalter der Agentur TGG. Mit den Jahren stieg die Auflage bis auf 4200 Exemplare und weitete sich der Kreis der Beschenkten aus: Wer an die Vernissage kam, der durfte ein Heft mitnehmen. Und wer die Feier verpasste, der konnte es nachher im Buchhandel erstehen. Dass die Vernissagen stets ganz besondere Anlässe waren, hat sich herumgesprochen, denn sie fanden jeweils an ganz speziellen Orten statt.

Start mit Schriften über Schrift

Begonnen hat die Reihe mit Schriften über die Schrift. Mit der Zeit fand eine Ausweitung und thematische Öffnung statt. Nach seinen Lieblingsheften befragt, meint Herausgeber Rolf Stehle: «Am liebsten sind mir noch heute die Hefte über Menschen, über Unspektakuläres. Marktfahrer Josy Schildknecht, Grünenpolitiker Albert Nufer, Dinosaurier-Ausgraber Urs Oberli. Als feststand, dass es ein Heft über die Fussballer vom FC St. Gallen geben würde, sagten manche: Das ist nichts! Dabei war das Heft so erfolgreich!»

Kamen die Vorschläge für die einzelnen Jahrespublikationen zunächst von Jost Hochuli, so hat Rolf Stehle mit der Zeit die Themen gesetzt. Mitunter zog er Freunde wie den Clown Pic bei, die ihm bei der Suche nach einem Thema zur Seite standen. Wie aufmerksam die Typotron-Hefte auch in Fachkreisen beachtet werden, zeigt die Reaktion der Präsidentin der Deutschen Stiftung Buchkunst, Karin Schmidt-Friderichs: «Die Typotron-Hefte sind so wertvoll, dass sie bei uns zu Hause wohnen dürfen. Wir lieben sie und haben viele.» Die Typotron-Hefte werden seit jeher wegen ihrer Klarheit und Schönheit gezielt gesammelt. Rolf Stehle kennt viele Menschen, die seit Jahren zu den Vernissagen kommen, weil sie keine Ausgabe verpassen wollen.

Viele Preise und Ehrungen

Hefte? Vielmehr als das! Bereits die erste Publikation aus dem Jahr 1983 mit dem Titel «Epitaph für Rudolf Hostettler» wurde beim Wettbewerb «Schönste Schweizer Bücher» prämiert. Und immer wieder gab es für einzelne Hefte Auszeichnungen. 1991 die Bronzemedaille am Wettbewerb «Schönste Bücher aus aller Welt» in Leipzig, drei Jahre später ein Ehrendiplom in Leipzig für «Freude an Schriften/Joy in Type». Gleich acht internationale Preise bekam die 2010 erschienene Publikation «Lokremise St. Gallen». Insgesamt 27 Auszeichnungen und eine städtische Anerkennungsgabe in der Höhe von 30 000 Franken haben diese Publikationen erhalten.

Und jetzt soll alles ein Ende haben? Bertram Schmidt vom renommierten Mainzer Hermann Schmidt Verlag meint: «Die Reihe kenne ich seit dem ersten Heft, das waren immer Kleinodien der Schweizer Typographie – nicht nur, weil sie entlegene, aber wissenswerte Themen wunderbar subtil aufgearbeitet haben, sondern weil man das einfach haben wollte, trotz aller <Nutzlosigkeit>. An die Ausgabe über alte Klöppelspitzen erinnere ich mich noch, die Publikation über den Wald, der Lokschuppen natürlich – und war nicht auch die wunderbar gefaltete Arbeit über Drei Weihern ein Typotron-Produkt? Alles ganz exquisite Kleinode.» Und er fügt an: «Ich würde am liebsten das nächste Heft über die Typotron-Hefte selbst verlegen!»

Ruhe für jede Seite

Und jetzt also ein Typotron-Heft für Manuel Stahlberger. «Innerorts» heisst sein letztes Theaterprogramm, in dem er nicht nur singt und spricht, sondern auch Bildmaterial projiziert und kommentiert. Was auf der Bühne recht schnell an den Zuschauern vorbei wandert, lässt sich jetzt Seite für Seite in Ruhe anschauen. Den Vertrieb besorgt der Luzerner Verlag «Der gesunde Menschenversand», zu dessen Programm «Zeug» so gut passt. Gestaltet hat es Roland Stieger vom St. Galler Büro TGG.

Vernissage: 5.9., 19.30 Uhr, Paul-Grüninger-Stadion, Grütlistr. 27 b