NACHRUF: Am Ende bleibt nur noch die Liebe

Weil ihn die gängige Sprache der Kirche nicht befriedigte, ist der Berner Pfarrer Kurt Marti Schriftsteller geworden. Am Samstag ist der bedeutende Moralist und Zeitkritiker 96-jährig gestorben.

Charles Linsmayer
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Innovativer Sprachgebrauch, illusionsloser Blick: Kurt Marti. (Bild: Alessandro della Valle/KEY (Bern, 19. Januar 2001))

Innovativer Sprachgebrauch, illusionsloser Blick: Kurt Marti. (Bild: Alessandro della Valle/KEY (Bern, 19. Januar 2001))

Charles Linsmayer

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@tagblatt.ch

2010 hat sich Kurt Marti ein letztes Mal zu Wort gemeldet. Mit den «Spätsätzen», die drei Jahre nach dem Tod seiner Frau Hanni in die für einen Pfarrer frappierende Erkenntnis mündeten: «Ich glaube nicht mehr an das ewige Leben, alles ist verschwunden, es bleibt nur noch die Liebe.»

«früelig / hahnefuess und ankeballe / früehlig trybt scho schtyf / liechti rägetröpfli falle / radioaktiv». Marti war seit einem Jahr Pfarrer an der Nydeggkirche Bern, als er 1962 im «Bund» ein Frühlingsgedicht veröffentlichte, das den heimeligen Tonfall schon in der ersten Strophe mit dem Wort «radioaktiv» demontierte und die Dialektlyrik für die politische Diskussion öffnete. Aber nicht nur als Lyriker, auch als Erzähler und Essayist vertrat Marti von Anfang an eine neuartige, unbeschönigt realistische, formal brillanten Schreibweise.

Ehrlich, nüchtern und illusionslos

Ein «Pfarrer und Poet dazu» war er jedenfalls nicht, der am 31. Januar 1921 in Bern geborene Sohn eines Notars. Sondern ein Theologe, der aus dem Innersten seines Umgangs mit Gott und der Kirche zum Schriftsteller wurde. Karl Barth, der, so Marti, alle dogmatischen theologischen Systeme «zu Gunsten einer lebendigen Gotteserkenntnis und Gottesbeziehung aufgebrochen» hat, war nicht umsonst sein Lehrer. Der entscheidende Impuls, Schriftsteller zu werden, kam aber nicht vom Studium, sondern vom Alltag des Pfarrberufs her. «Zuerst wollte ich nur Pfarrer sein», erklärte er 1971. «Aber die in der Kirche übliche Sprache befriedigte mich je länger, desto weniger. Ich versuchte, für mich eine Sprache zu sprechen, die genauer, ehrlicher, sachlicher sein sollte. Das löste die literarische Aktivität aus.»

Nimmt man zum innovativen Sprachgebrauch den nüchternen, illusionslosen Blick hinzu, der Marti eigen war, so sind die Ingredienzien beisammen, die seine Werke bestimmten: die «Dorfgeschichten» und die «Bürgerlichen Geschichten», die abgelebten Genres zu neuer Kraft verhalfen, die «Leichenreden», die dem Pathos der Bestattungsgottesdienste eine schockierende Offenheit im Umgang mit dem Tod entgegenstellten, die Journale «Zum Beispiel Bern 1972», «Ruhe und Ordnung», «Högerland» und «Tagebuch mit Bäumen», die den kritisch engagierten, aber auch den umweltbewussten Zeitgenossen Marti zeigten, der Gedichtband «Abendland», der Martis neues, die Frau miteinbeziehendes «Unser Vater» enthält, der Diskurs «Die gesellige Gottheit», wo er die Frage stellt: «Wird er wiederkommen? Und wie? / Vielleicht – nach Ende des Patriarchats – / als messianische Frau? / Oder – jeder Knechtsgestalt ledig – als messianisches Paar?»

Ein kostbares Vermächtnis

Wie sehr Martis Denken und Schreiben angewandte Theologie war, wurde klar, als 2010 die von 1964 bis 2007 in der Zeitschrift «Reformatio» erschienenen «Notizen und Details» gesammelt vorlagen. 1422 Seiten hat der Band, und wem die Bibel zu zeitfern ist, wird sich auch künftig an dieses kostbare Vermächtnis Kurt Martis halten können. Es wird ebenso bleiben und für den grossen Moralisten und Zeitkritiker zeugen wie seine in fünf Bänden gesammelten lyrischen, erzählerischen und essayistischen Werke. Am längsten leuchten wird vielleicht «Zärtlichkeit und Schmerz» von 1979, wo es hiess: «Zärtlichkeit, eine der Töchter Gottes und unbeirrt subjektiv. Wie schwach sie auch sein mag, sie legt’s darauf an, das männliche Spiel zu beschämen, zu verwirren, damit wir uns vielleicht und endlich entschliessen, es abzubrechen und ein anderes, besseres zu beginnen.»

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