Nachhilfe nützt wenig

Kinder, die in der Mittel- und Oberstufe Nachhilfe erhalten, haben deswegen kaum bessere Noten. Hausaufgaben gehören deshalb in die Schule, fordert der Erziehungswissenschafter Hans-Ulrich Grunder.

Bruno Knellwolf
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Am meisten Nachhilfe wird für Mathematik bezogen, zu 69 Prozent. Und das vor allem von Mädchen auf Primarschulstufe. (Bild: ky/Georgios Kefalas)

Am meisten Nachhilfe wird für Mathematik bezogen, zu 69 Prozent. Und das vor allem von Mädchen auf Primarschulstufe. (Bild: ky/Georgios Kefalas)

Der Erziehungswissenschafter Hans-Ulrich Grunder hat mit einem Forscherteam der Universität Basel und der Pädagogischen Hochschule FHNW untersucht, wie verbreitet Nachhilfeunterricht ist und ob er – wie erhofft – die Noten verbessert?

Letzteres würde man annehmen, doch die Untersuchungen von rund 10 700 befragten Fünft- bis Neuntklässlern zeigt, dass sich der Nachhilfeunterricht kaum positiv auf die Noten auswirkt. Die Mehrheit der Befragten glaube zwar, dass sich ihre Leistungen dank der Hilfe verbessert hätten, doch der Effekt in den Fächern Mathematik, Deutsch und Französisch ist in Wahrheit äusserst gering. Eine fächerübergreifende Wirkung des Nachhilfeunterrichts sei zudem nicht festzustellen, sagt Studienleiter Grunder.

Mehr Mädchen

Rund ein Sechstel der Deutschschweizer Schülerinnen und Schüler besuchen private Nachhilfestunden ausserhalb der Schule. Das sind 17 Prozent und damit weniger als beispielsweise in Deutschland – dort seien es 25 bis 33 Prozent, sagt Grunder. In der Schweiz beziehen Mädchen öfter Nachhilfe als Buben, am ausgeprägtesten in der Primarstufe. Das hat mit dem Fach Mathematik zu tun, in dem die Mädchen mehr Schwierigkeiten haben. In diesem Fach suchen sie denn auch am meisten Unterstützung. Die Knaben brauchen dagegen in den Sprachen mehr Nachhilfe.

Kinder erhalten Nachhilfe entweder in Lerninstituten oder von privaten Personen, oft Gymnasiasten oder Studenten. Letztere verlangen etwa 25 Franken für die Stunde und werden deshalb öfter von weniger gut situierten Familien angefragt. Die Lerninstitute sind mit einem Preis von 48 Franken teurer.

Wenn die Schulnoten sich kaum verbessern, fragt man sich nach dem Sinn der Nachhilfe. Den gibt es nach Grunder, obwohl die unmittelbare Verbesserung der Noten nicht gesichert ist. «Sinnvoll ist es dann, wenn das Kind schlechte Noten hat, ungenügend ist. Wenn es auch darum geht, das Selbstbewusstsein in Bezug auf ein Fach zu stärken», sagt Grunder. «Das macht Nachhilfe in der Regel». Das Kind gewänne so mehr Sicherheit.

Wenn es trotzdem Sinn macht

Allerdings sollte das eigentlich die Schule schon ermöglichen und damit den Nachhilfeunterricht überflüssig machen, sagt Grunder. In der Studie wird deshalb gefordert, über den Nachhilfeunterricht nachzudenken. Besser wäre demnach, wenn die Kinder und Jugendlichen in Ganztagesschulen unterrichtet würden, wo sie die Hausaufgaben nicht zu Hause, sondern in der Schule erledigen.

Nun gibt es auch heute noch viele Mütter und Väter, die gerne mit ihren Kindern am Mittagstisch sitzen und diese Stunde sinnvoll und gut zu nutzen wissen. «Es geht in erster Linie um die Aufgabenbetreuung in der Schule. In welcher Form ist sekundär. Man kann in der Schule auch eine Hausaufgaben-Stunde anschliessen. Das muss keine Ganztagesschule sein», erklärt der Professor vom Forschungs- und Studienzentrum für Pädagogik der Universität Basel. «Ich will einfach das Wort Haus gestrichen haben, dann sind es nur noch Aufgaben – und die werden in der Schule erledigt».

Wie soll denn der optimale Nachhilfeunterricht aussehen, der sich vielleicht doch positiv auf die Noten auswirken könnte? «Der optimale Nachhilfeunterricht ist einer, der 1:1 ist. Also mit Lehrkraft und Kind». Das erschliesse sich auch daraus, dass der Nachhilfeunterricht in den Instituten nicht besser laufe als bei den Privaten. «Der optimale Nachhilfeunterricht nimmt Rücksicht auf das, was das Kind aus der Schule mitbringt, auf das, was es kann, und das, was es können muss», sagt Grunder. Guter Nachhilfeunterricht erhöhe die Sicherheit des Kindes. «Es ist besser, wenn man eine Sache zweimal am Tag anschaut als nur einmal.»

Brandherd in Familien

Und was ist der Teil der Eltern in Sachen Hausaufgaben – ihre aktive Mitarbeit wird von Lehrern oft kritisch beäugt. «Hausaufgaben sind ein Konfliktpotenzial in Familien», sagt Grunder. Wenn schon Nachhilfe, dann besser von Aussenstehenden, sagt der Erziehungswissenschafter. «So kommen Vater und Mutter nicht in das Konfliktfeld». Wenn die Nachhilfe ausgelagert werde an eine Drittperson, handle es sich, um eine Person, die auf die Bearbeitung von Lernprozessen besser vorbereitet sei – sei es auch «nur» ein Gymnasiast.

Eltern im Zwang

Eltern seien oft geradezu gezwungen, den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen, weil die Lehrerinnen und Lehrer mit den «Husis» die Lernphase aus der Schule auslagerten – an Eltern, die in der Regel nicht pädagogisch geschult seien. Grunder hält das eigentlich für «ungeschickt». «Die Schule müsste Lernprozesse von A bis Z durchführen.» Deshalb die Forderung nach Hausaufgabenstunden oder Ganztagesschulen.

Vielleicht gibt es auch Eltern, die zu viel verlangen, ihr Kind zwingend im Gymnasium sehen und deshalb Nachhilfe suchen? Das sei richtig, sagt Grunder, dann werde es ganz schwierig. Diese Nachhilfe sei wahrscheinlich für nichts – dies sei aber nicht Thema ihrer Studie gewesen.

Hans-Ulrich Grunder Erziehungswissenschafter

Hans-Ulrich Grunder Erziehungswissenschafter