NACHFOLGE GEREGELT: Mit Schumann überzeugt

Paavo Järvi heisst ab der Saison 2019/20 der Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich. Alle sind glücklich – auch seine musikalische Familie.

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In die Welt der Musik hineingeboren: Paavo Järvi, neuer Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich, kommt aus einer Dirigentenfamilie. (Bild: Julia Bayer)

In die Welt der Musik hineingeboren: Paavo Järvi, neuer Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich, kommt aus einer Dirigentenfamilie. (Bild: Julia Bayer)

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@tagblatt.ch

Die Musiker haben auch erst am Morgen erfahren, welcher unter den siebzig Dirigentinnen und Dirigenten, die für den Chefdirigentenposten beim Tonhalle-Orchester Zürich am Anfang im Gespräch waren, am Nachmittag den Vertrag unterschreiben würde. Überrascht werden sie nicht gewesen sein. «Wie Paavo Järvi das Scherzo in Robert Schumanns 3. Sinfonie dirigierte, und zwar jedes Mal ein wenig anders, das war grosse Klasse», sagt Florian Walser, der Co-Orchestervorstand. Er erinnert sich gern an jenes dreimal gegebene Konzert im vergangenen Dezember, über dessen Besprechung die NZZ denn auch den Titel setzte: «Ist das der neue Chefdirigent?»

Die Antwort ist seit gestern klar: Ja, er ist es. Paavo Järvi wird ab der Saison 2019/20 die Nachfolge des eher glücklosen Lionel Bringuier antreten, und, so hofft Florian Walser, den Fokus wieder aufs Musikalische lenken. Geboren am 30. Dezember 1962 im estnischen Tallinn, ist Järvi in einer hochmusikalischen Familie aufgewachsen. Der Vater, Neeme Järvi, ist ebenfalls Dirigent, Bruder Kristjan ebenso. «Ja, meine Familie freut sich sehr über dieses Engagement», erzählt Paavo Järvi im Gespräch. Die Musik, das sei die Welt, in der er aufgewachsen sei. «Ich habe sie als etwas ganz Natürliches kennen und lieben gelernt.»

Der 54-Jährige wirkt ruhig und überlegt, aber er strahlt auch jene Energie aus, die er immer wieder aufs Podium mitbringt und an die Musiker weitergibt. Etwa in jenem Auftritt mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, mit dem er am 24. Februar dieses Jahres in der Zürcher Tonhalle einen weiteren denkwürdigen Auftritt absolvierte. Im Zentrum stand Brahms, dessen Haydn-Variationen und 4. Sinfonie er mit Strawinskys Violinkonzert (mit Vilde Frang als Solistin) kombinierte. Sein Brahms ist heftig, tänzerisch, und manchmal zieht ein Gewitter auf aus dem Nichts.

Künstlerisch ist einiges zu erwarten

Das heisst: Künstlerisch ist von Paavo Järvi einiges zu erwarten. Was er konkret vorhat, mag er allerdings nicht genau festlegen. «Ich habe viele Ideen», sagt er, «die aber gut ausbalanciert und vorbereitet werden müssen.» Seine Interessen sind breit, Paavo Järvi lernt gern Neues kennen. Aber er unterstreicht auch, dass der Kern, das «Gesicht» des Tonhalle-Orchesters Zürich, im klassischen deutschen Repertoire liegen muss. Von ihm aus wird er auf Expedition gehen – in die nordische Musik, nach Russland, zu Schostakowitsch und Prokofjew, nach Frankreich. Vielleicht sogar nach Japan, wo Järvi beim NHK Symphony Orchestra einen Teil des Jahres verbringt.

Natürlich knüpft sich an dieses Engagement und an jenes bei der Kammerphilharmonie die Frage, ob er sich denn genug in Zürich aufhalten wird. «Zürich wird eine Priorität sein», bleibt er in der Pressekonferenz eher unverbindlich. In der Schweiz anbinden lässt sich der Mann nicht.

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