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Nach vorne schauen – und zurück

Aus den USA ist eine Welle der Jugendlichkeit nach Europa geschwappt, die diesen alten Kontinent mental verjüngt. Doch birgt diese Entwicklung auch ihre Gefahren? Ein amerikanischer Wissenschafter macht sich Gedanken.
Rolf App
Jung trifft Alt: Die nächste Generation zu Besuch beim Präsidenten im Weissen Haus. (Bild: epa/Chip Somodevilla)

Jung trifft Alt: Die nächste Generation zu Besuch beim Präsidenten im Weissen Haus. (Bild: epa/Chip Somodevilla)

Wenn es so kommt, wie viele befürchten, wird bei der Wahl zum neuen US-Präsidenten die 68jährige Hillary Clinton gegen den 69jährigen Donald Trump antreten. Und das an der Spitze einer Nation, deren Populärkultur die Jugend verherrlicht wie keine andere und die nur in eine Richtung schaut: nach vorn, in die Zukunft. Auch ein neuer Richter am Obersten Gericht wird gerade gesucht, und auch dort haben wir es mit einem veritablen Altersheim – pardon: Ältestenrat – zu tun: Die noch amtierende Richterin Ruth Bader Ginsberg ist 83, ihre Kollegen Anthony Kennedy 80 und Stephen Breyer 78 Jahre alt.

Fragen an die Verfassungsväter

Man kann sich über diese Paradoxie unserer jugendverrückten Zeit wundern. Oder sich wie der in Kalifornien lehrende Literaturwissenschafter Robert Pogue Harrison in seinem kürzlich auf deutsch erschienenen Buch «Ewige Jugend» fragen, was der Ältestenrat mit der jungen Nation zu tun hat. Eine Antwort geben die Verfassungsväter, die weder dem Volk noch dem einzelnen Menschen Vertrauen entgegengebracht haben. Einer von ihnen, John Adams, hat als eine der Lehren aus der Geschichte die Warnung geäussert, dass das Volk «so ungerecht, tyrannisch, brutal ist wie jeder König oder Senat im Besitz unkontrollierter Macht».

Also muss man ihm Schranken setzen und zu allen Institutionen Gegengewichte einbauen. Niemand kann deshalb dem Obersten Gericht dreinreden, seine Mitglieder amtieren auf Lebenszeit. An sie heftet sich jene Erwartung, aus der heraus auch der Senat geschaffen wurde, die zweite Parlamentskammer: dass durch sie «Gewicht und Weisheit», «Stabilität und Kraft», «Wissen» an die Macht kommen.

Die Jugendlichkeit Amerikas

Robert Pogue Harrisons essayistischer Versuch einer «Kulturgeschichte des Alterns» macht gern bei solchen Stichworten halt. Und dass er die USA ins Zentrum stellt, hat nicht nur mit dem Ort seines Wirkens zu tun. Aus Amerika kommt ein Jugendkult, der weltweit viele Bereiche des Lebens erfasst hat. Denn, so Harrison, «keine Gesellschaft auf der Erde erreicht annähernd die Jugendlichkeit Amerikas, seine Freisetzung jugendlicher Energien, Farben, Formen, Produkte».

Genialität und Weisheit

Mit welchen Konsequenzen, das ist sein Thema. Ein Gegensatzpaar taucht beim Gang durch die Jahrhunderte immer wieder auf: Genialität und Weisheit. Das Genie ist jung. Es bewahrt sich, wie Albert Einstein, einen grossen Rest Kindheit. Oder es opfert, wie Sokrates, «den Glutkern seiner Leidenschaft niemals dem Alterungsprozess». In Harrisons Worten: «In jedem Menschenwesen überdauert ein inneres Kind.» Wenn wir zur Welt kommen, ist alles neu, ungewohnt, wir müssen vieles lernen – weit mehr als jedes andere Tier. Das prägt. Zeitlebens bleiben wir ein lernendes Tier.

Auf der andern Seite ist keine Spezies so alt wie der Mensch. Weil keine die Erinnerung so sehr bewahrt, und zwar gerade auch dort, wo wir etwas als «neu» bewundern.

Geschichte in den Dingen

In jedem Auto stecken Jahrtausende an Entwicklung, angefangen bei der Erfindung des Rads. Und nicht nur in der Welt der Dinge baut jede Generation auf dem auf, was die vorhergehende geschaffen hat. Auch wenn sie sich dessen nicht bewusst ist.

Die Warnung der Ältesten

Gerade darin aber liegt jene Gefahr, die Robert Pogue Harrison in starkem Mass mit der Gegenwart verknüpft. Vergangenheit kann auch vergessen gehen. Harrison zitiert einen ganz Alten, den griechischen Dichter Sophokles:

Ungeheuer ist viel.

Doch nichts ungeheurer als der Mensch.

Sophokles lässt das den Chor sagen, der aus den Ältesten Thebens besteht. Dieser Chor «leiht seine Stimme der Weisheit des Alters, die über dem (und gegen den) jugendlichen Leichtsinn steht».

Moderne Menschen gehören zu einer Unterart des Homo sapiens, die den Namen Homo sapiens sapiens trägt. Darin steckt, dass er über zweierlei Weisheit verfügt: Die eine ist mit der Genialität verbunden, mit jener Intelligenz in uns, die ausprobiert, erfindet, entdeckt. Und die andere hängt mit jener «senilen» Altersweisheit zusammen, die aus dem Bewusstsein unserer Sterblichkeit entspringt. Sie rät zur Vorsicht, sie hütet das Erbe der Vergangenheit.

Das verlorene Erbe

Beides gehört zusammen. Denn, so stellt Robert Pogue Harrison fest: «Jugend hat mehrere Tugenden, doch die Sorge um die Zukunft gehört nicht dazu.» Gerade einer Zeit aber, die so sehr auf Jugend setzt, können wesentliche Elemente ihres Erbes entgleiten.

Robert Pogue Harrison: Ewige Jugend. Eine Kulturgeschichte des Alterns, Hanser 2015, 288 S., Fr. 35.90

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