Nach den Gentech-Pflanzen kommen die Tiere

Wissenschafter können das Erbgut von Tieren heute so schnell und einfach verändern wie nie zuvor. Die ersten Früchte dieses Fortschritts: Ein Lachs, der rasch wächst, und ein Miniaturschwein. Doch was darf die Wissenschaft – und wie sieht die rechtliche Situation aus?

Juliette Irmer
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Seit rund zwei Jahrzehnten essen Amerikaner gentechnisch verändertes Obst und Gemüse. Steaks und Burger hingegen sind auch dort noch gentechnikfrei. Denn bislang war es aufwendig und fehleranfällig, das Erbgut von Tieren zu verändern. Seit kurzem jedoch lässt sich die DNA aller Organismen so schnell und einfach verändern wie nie zuvor. Dank der Methoden des Genome Editing mit denen Forscher punktgenau, einzelne DNA-Bausteine umschreiben oder austauschen können.

«Die Euphorie ist gross»

«Die Euphorie ist in der Tat gross, weil genetische Veränderungen technisch einfacher geworden sind», sagt Eckhard Wolf, Professor für Tierzucht an der Universität München.

Folgt also auf Genmais nun das Genhuhn? Die Chancen stehen nicht schlecht: Im November 2015 wurde in Amerika das erste gentechnisch veränderte Tier als Lebensmittel zugelassen: Ein Lachs, der doppelt so schnell wächst wie seine Artgenossen. Zwanzig Jahre hatte sich die amerikanische Gesundheitsbehörde Zeit gelassen.

Gesünderes Schweinefleisch

«Ich würde auch genetisch verändertes Schweinefleisch mit einer gesünderen Fettzusammensetzung oder intensiver schmeckende Erdbeeren bedenkenlos essen», sagt Tosso Leeb, Direktor des Instituts für Genetik der Universität Bern gegenüber der «Aargauer Zeitung». «Wir haben das Erbgut unserer Nutztiere in Jahrhunderten konventioneller Zucht dramatisch verändert. Weit mehr, als wir es mit gentechnischen Eingriffen tun.» Genome Editing, insbesondere die «Genschere» Crispr-Cas, funktioniert deutlich präziser als die klassische Gentechnik.

Statt grundsätzlich fremde Gene einzufügen, reicht es oft aus, die vorhandene DNA etwas zu verändern. Auf diese Weise versuchen Wissenschafter nun, Hühner gegen die Vogelgrippe, Rinder gegen die Schlafkrankheit und Hausschweine gegen die afrikanische Schweinepest zu wappnen. Bruce Withelaw vom Roslin Institute in Edinburgh veränderte dazu drei Gene des Hausschweins.

Mittel gegen die Schweinepest

Als Vorlage dienten ihm die entsprechenden Gene des afrikanischen Warzenschweins, das von Natur aus immun ist gegen die Schweinepest. «Die Seuche ist ein echter Killer. Resistente Schweine wären ein Geschenk», sagt Henner Simianer von der Abteilung Tierzucht und Haustiergenetik der Georg-August-Universität Göttingen.

Genetisch veränderte Erreger

Einen anderen Ansatz verfolgen Forscher, die Krankheiten wie Malaria, Dengue und Zika bekämpfen. Sie haben die Überträger dieser Krankheitserreger genetisch verändert: Stechmücken. Doch darf der Mensch eine Tierart auslöschen? Oder rechtfertigen Millionen Malaria-Opfer ein solches Vorgehen? Auch schlecht nachvollziehbare Ziele sorgen für Unbehagen: In China züchteten Forscher ein «neues» Haustier: Ein Miniaturschwein, das nur ein Zehntel des üblichen Gewichts erreicht.

Der Crispr-Zoo wächst schnell und manch ein Wissenschafter warnt vor dem Tempo. «Es verändert die gesellschaftlichen Fragen von: <Wenn wir das machen könnten, würden wir es wollen?>, zu: <Nächstes Jahr können wir das machen, wollen wir es zulassen?>», sagt Withelaw.

Tatsächlich werfen die Methoden nicht nur ethische, sondern rechtliche Fragen auf. So steht in der EU die Entscheidung aus, ob es sich bei Tieren und Pflanzen, die mit Genome Editing verändert wurden, um gentechnisch veränderte Organismen (GVO) handelt oder nicht. Betrachtet man ausschliesslich das Verfahren, lautet die Antwort ja, betrachtet man das Endprodukt, könnte sie auch nein lauten. Die Behörden in den USA haben im April entschieden, dass eine mit Crispr veränderte Maissorte nicht als GVO einzustufen sei. Wie die Entscheidung im Falle von Crispr-Tieren ausfallen wird, bleibt abzuwarten.