MUTTERTAG: Madre mia

Drei Frauen, drei Generationen, eine Familie: Irma und Yvonne Stadler sowie Ilona Rutz-Stadler unterhalten sich übers Muttersein, pubertäre Aktionen, starke Frauen – und die Schwierigkeit, loszulassen.

Diana Hagmann-Bula
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Verstehen sich trotz Generationenunterschied: Irma Stadler, Yvonne Stadler und Ilona Rutz-Stadler (von links). (Bild: Urs Bucher)

Verstehen sich trotz Generationenunterschied: Irma Stadler, Yvonne Stadler und Ilona Rutz-Stadler (von links). (Bild: Urs Bucher)

Diana Hagmann-Bula

diana.hagmann-bula

@tagblatt.ch

Irma Stadler, was wollten Sie Ihrer Tochter schon immer einmal sagen?

Irma Stadler: Dass ich stolz auf sie bin, wie sie das Leben packt. Sie bleibt auch fröhlich, wenn sie viel am Hals hat. Und sie hat ein grosses Herz.

Worauf sind Sie als Mutter stolz?

Irma Stadler: Dass ich diese Familie habe. Wir sind temperamentvoll, wir ­sagen uns, wenn uns etwas nicht passt.

Streiten Sie dann?

Irma Stadler: Selten. Als die Töchter in der Pubertät waren, ging es heftiger zu.

Erzählen Sie eine Episode.

Irma Stadler: In der Kanti hat sich Yvonne ihre blonden Haare raspelkurz schneiden und schwarz färben lassen. Damals war das noch aufsehenerregend, vor allem auf dem Land. Mein Mann ­hatte mich vorgewarnt. Als ich sie gesehen habe, bin ich erschrocken, habe mir aber nichts anmerken lassen.

Wissen Sie alles voneinander?

Irma Stadler: Leute fragen mich manchmal, weshalb wir keinen Familienchat haben. Ich muss nicht über jeden Schritt Bescheid wissen. Wenn mir etwas wichtig ist, erkundige ich mich schon. Ilona Rutz-Stadler: Wir sind uns emotional nahe, gerade im Vergleich zu Kolleginnen und deren Familien. Die tauschen eher Alltagssachen aus, wir reden darüber, was uns bewegt. Ihr bemerkt sofort, wenn mich etwas beschäftigt. Als Teenager hat mich das genervt.

Irma Stadler, was haben Sie erlebt, was der Enkelin erspart bleiben soll?

Irma Stadler: Nachdem die Kinder gross waren, hatte ich Mühe, wieder in den Beruf einzusteigen und mich dort weiterzuentwickeln. Ilona macht das zum Glück anders und arbeitet schon wieder. Ilona Rutz-Stadler: In dem halben Jahr Babypause habe ich gemerkt, dass ich die Arbeit brauche. Sie bedeutet für mich Erwachsensein, Frausein. Ich vermisse meine Tochter an den beiden Tagen zwar, geniesse es aber, nicht darüber nachdenken zu müssen, was ich koche oder was wir spielen.

Irma Stadler, haben Sie solche Tage vermisst?

Irma Stadler: Weil ich nicht arbeiten ging – das war damals nicht angesehen –, hatte ich andere Freiheiten. Ich habe Kurse besucht, vom Töpfer- bis zum ­Italienisch-Kurs. Und der Turnverein war mein Ausgang.

Sind Sie emanzipiert?

Irma Stadler: Ja, ich habe mich auch für anderes interessiert als für Kinder und Haushalt. Yvonne Stadler: Ich habe dich als junge, moderne Mutter erlebt. Das Leben war spannend mit dir. Irma Stadler: Ich bin mit 18 Jahren Mutter geworden. Da hat man viel Energie, wir waren oft unterwegs. Als junge Mutter achtet man aber umso mehr darauf, dass die Mädchen gut herauskommen. Yvonne Stadler: Das stimmt, du warst streng. Andere Kinder durften zum Beispiel mit Filzstift ins Poesiealbum malen, wir mussten mit Bleistift vorzeichnen. Selten war etwas aufs erste Mal gut genug. Das ist mir geblieben: Noch heute versuche ich, alles perfekt zu erledigen. Ilona Rutz-Stadler: Das zieht sich weiter. Ohne Mami wäre ich nicht durch die Kanti gekommen. Es war klar: Das hören wir nicht auf. Damals war das hart, nun bin ich dankbar. Ich hatte das Gefühl, ich enttäusche dich mit schlechten Noten. Yvonne Stadler: Das tönt jetzt, als wäre ich eine überehrgeizige Mutter. Dabei wollte ich dir nur die Gewissheit mit­geben, dass du gescheit und stark bist, dass du dich auf dich verlassen kannst, auf deinen Geist, auf deinen Körper.

Redet Ihre Familie über Sex?

Yvonne Stadler: Ich mit Mami schon, meine Tochter mit Oma wohl weniger.

Ilona Rutz-Stadler: Doch ich auch. Ich habe mal behauptet, dass man als Oma und Opa doch ohnehin keine Liebe mehr macht. Sie hat dann gemeint: «So alt sind wir nun auch wieder nicht.» Ich habe nicht weiter gefragt.

Gibt es Tabus in Ihrer Familie?

Yvonne Stadler: Ich würde meiner Tochter nie in die Beziehung hineinreden.

Ilona Rutz-Stadler: Am Anfang war das befremdlich, weil wir uns bisher alles gefragt hatten. Unterdessen habe ich gemerkt, wie wichtig diese Privatsphäre für mich und meinen Mann als Paar ist.

Was soll Ihre Tochter erleben?

Yvonne Stadler: Die grosse Liebe. Und ich wünsche ihr eine Karriere. Dass sie ihren Job leidenschaftlich gerne macht und darin immer besser wird.

Ilona Rutz-Stadler: Deshalb wolltest du Tänzerin werden …

Yvonne Stadler, warum sind Sie nicht Tänzerin geworden?

Yvonne Stadler: Das war ein Kindheitstraum. Als ich ein Jahr nach der Matura mein erstes Kind bekommen habe, stand eine Tanzausbildung längst nicht mehr zur Debatte. Und dann musste ich ziemlich schnell umdisponieren, wollte und musste arbeiten, um meine Familie durchzubringen.

Was haben Sie von Ihrer Mutter abgeschaut?

Yvonne Stadler: Wie sie meine Schwester und mich zu selbstsicheren, selbstbestimmten Frauen erzogen hat.

Ilona Rutz-Stadler: Zu dominanten Frauen (lacht).

Irma Stadler: Meine Schwester durfte keinen Beruf erlernen, ich als Jüngste schon. Es hiess aber: «Am besten eine Lehre, die schnell fertig ist. Mädchen heiraten ja sowieso bald.» Als Mutter war mir klar, dass diese Zeit vorbei ist und Frauen eine gute Ausbildung brauchen.

Yvonne Stadler, Sie sind Tochter, Mutter und Oma. Wie fühlt sich das an?

Yvonne Stadler: Als Ilona im Gebärsaal lag, war ich vor allem Mami und litt mit ihr mit. Innert ein paar Wochen hat sich die Liebe verdoppelt und ich bin schnell in die Rolle der Oma gewachsen. Unterdessen höre ich manchmal leise Kritik: «Hat Mami mir jetzt auch Hallo gesagt oder nur dem Grosskind?» Meine Rolle als Tochter verändert sich in den nächsten Jahren wohl am meisten. Meine Mutter wird älter. Vielleicht wird sie einmal meine Hilfe brauchen, nachdem sie viele Jahre lang mich unterstützt hat.

Ilona Rutz-Stadler, wie ist es, Familie, Liebe und Job zu vereinbaren?

Ilona Rutz-Stadler: Zu Beginn habe ich mich unter Druck gesetzt. Und mich hinterfragt. Bin ich die Frau, die mein Mann sich wünscht? Bin ich die Tochter, die Mami sich wünscht? Bin ich die Mutter, die Mila sich wünscht? Heute tauchen diese Fragen kaum noch auf. Ich gehe ohne schlechtes Gewissen arbeiten. Und ich bin die Frau, die ich sein will.

Versuchen Sie manchmal, Ihre Mutter zu verkuppeln?

Ilona Rutz-Stadler: Ich habe es mal probiert. Das ist nicht gut angekommen. Ich glaube, dass sie keinen Mann braucht, um glücklich zu sein. Manchmal wünschte ich ihr dennoch einen Gefährten.

Wie geht Ihr Mann mit Ihrer Stärke um?

Ilona Rutz-Stadler: Es gefällt ihm, dass ich weiss, was ich will. Gewöhnen musste er sich an die Nähe in meiner Familie. Wenn er ausgeht, besucht mich oft entweder meine Mutter oder meine Schwester. Und als wir zum ersten Mal mit unserer neuen kleinen Familie verreisten, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Das ist die andere Seite dieser Nähe.

Yvonne Stadler: Das war ein kleiner Abschied. Dein Mittelpunkt ist nun jemand anderes, aber das gehört sich so.

Irma Stadler: Väter können besser loslassen als Mütter.

Ilona Rutz-Stadler, haben Sie Mühe, Ihre Tochter loszulassen?

Ilona Rutz-Stadler: An den ersten Arbeitstagen habe ich geweint, als ich auf den Bus musste. Und wenn sie eine Nacht weg ist, ist es schon vorgekommen, dass mein Mann und ich beide mit dem Handy am Tisch sassen und Bilder von der Kleinen anschauten.

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