Musik zu den endlosen Grabreihen

«Weit in der Champagne im Mittsommergrün. Dort, wo zwischen Grabkreuzen Mohnblumen blüh'n.»

Chris Gilb
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Bild: Chris Gilb

Bild: Chris Gilb

«Weit in der Champagne im Mittsommergrün. Dort, wo zwischen Grabkreuzen Mohnblumen blüh'n.»

Es war ein Zufall sondergleichen: Wir fuhren mit dem Auto aus Verdun heraus, als das Lied aus den Lautsprechern erklang, das für diesen Teil der Welt geschrieben wurde: «Es ist an der Zeit» – vom Deutschen Liedermacher Hannes Wader. Es befand sich auf einer dieser gebrannten CDs, auf denen man irgendwann einmal die Lieblingslieder von allen möglichen anderen CDs gemischt hatte. Mein Mitfahrer schob die unbeschriftete CD ahnungslos in den Player, weil er Abwechslung von französischen Radiosendern suchte.

Und dann tauchen sie passend zum Lied links und rechts der Strasse auf, die endlosen anonymen Reihen steinerner Kreuze, Zeugen der verheerenden Schlachten des Ersten Weltkriegs. Dazu dieses Anti-Kriegslied in unseren Ohren: «Soldat, gingst du gläubig und gern in den Tod? Oder hast du verzweifelt, verbittert, verroht…?»

Von Strophe zu Strophe wurde, was wir sahen, noch intensiver: Diese gigantischen Friedhöfe, Erinnerung an den wahren Charakter des Krieges. Wir hatten sowieso vor, uns die Friedhöfe aus der Nähe anzusehen, deshalb waren wir schliesslich in der Champagne unterwegs im Jahr des hundertjährigen Jubiläums der Urkatastrophe 1914. Eigentlich hatten wir diese Besichtigung erst für später geplant, das Lied duldete aber keinen Aufschub von uns. So hielten wir an und stiegen aus. Es war an der Zeit.

Hannes Wader: «Es ist an der Zeit», 1980