Musik reicht nicht

Bands CDs, T-Shirts und Poster sind die Klassiker. Viele Bands geben sich aber nicht mit solch belanglosen Fan-Artikeln zufrieden und verkaufen Dinge für jegliche Lebenslage. Kathrin Reimann

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Die belgische Band Balthazar spielte vor ein paar Tagen im Winterthurer Salzhaus. Nach dem Konzert ist die Überraschung am Merchandise-Stand gross: Nebst CDs, T-Shirts, Postern, Buttons und den mittlerweile obligaten Jute-Taschen werden auch Balthazar-Ohrringe, Halsketten, Fingerringe und Manschettenknöpfe feilgeboten. Ein ungewöhnliches Angebot von einer Indie-Pop-Band, aber nicht ein einmaliges. Immer wieder tauchen an Merchandise-Ständen unerwartete Gegenstände auf. So verkaufte die englische Indie-Band Stornoway etwa ihre eigenen Hacky-Säcke nach ihrem Konzert im St. Galler Palace. Und ein Blick in die Online-Shops zahlreicher anderer Musikgruppen zeigt: Der Phantasie der Stars sind offenbar wenig Grenzen gesetzt.

Sex-Set und Strickpullover

Die deutsche Rockband Rammstein beispielsweise verkauft alles, was das Fan-Herz begehrt, und sogar noch ein bisschen mehr. Vom Rammstein-Multifunktionstuch über Unterwäsche, Socken, Mützen, Uhren, rosarote Kinder-Shirts bis hin zu einem roten Overall, der den Namen «Bestrafe mich» trägt – all das kann auf der Band-Page erstanden werden. Bereits vergriffen ist übrigens das Rammstein-Sex-Set «Liebe ist für alle da», bestehend aus einem Aluminium-Koffer, der sechs Vibratoren, Gleitgel, Handschellen und selbstverständlich das gleichnamige Album enthält.

Ebenfalls harte Musik macht die Trash-Metal-Band Slayer aus Kalifornien, ihr speziellstes Merchandise kommt aber weich und flauschig daher: Der hässliche Pullover, der seinem Namen «Ugly Christmas Sweater» absolut gerecht wird. Auch der britische Sänger Morissey hat sein Konterfei, gemeinsam mit ein paar schönen Sternemustern, auf einem Strickpullover verewigen lassen. Boybands ziehen ihren vorwiegend jungen Fans bereits seit Jahren das Geld aus den Taschen. Doch auch hier scheinen die klassischen Artikel wie Bekleidung, Poster und Bettwäsche nicht mehr gut genug zu sein. So spannte etwa die britisch-irische Boyband One Direction mit Colgate zusammen und entwickelte eine One-Direction-Zahnbürste und die dazu passende Zahnpasta in der Geschmacksrichtung «Fresh Mint». Und auch Teenie-Idol Justin Bieber, der sich eben erst im ausverkauften Hallenstadion in Zürich von 13 000 Fans bejubeln liess, hat seine eigene Zahnbürste entworfen, zu der es auch die passende Zahnseide gibt. Sowieso weiss der 19-Jährige, wie er seine Fans glücklich macht und gleichzeitig an ihr Taschengeld kommt. Etwa mit Duschvorhängen, Schlafanzügen oder einer Justin-Bieber-Piñata. Eine Piñata ist übrigens eine Pappmaché-Figur – in diesem Fall also Justin Bieber – auf die mit Stöcken eingeschlagen wird, bis sie platzt und es dann Süssigkeiten regnet.

Schuhe, Ski und Duftkerzen

Manche Künstler können selbst nichts dafür, dass ihr Antlitz seltsame Dinge prägt. So gibt es etwa Jim-Morrison-Krawatten. Ob man allerdings bei der Arbeit einen seriösen Eindruck erweckt, wenn man den Sänger von The Doors zum Anzug kombiniert, sei hier in Frage gestellt. Die Krawatte ist übrigens auch mit Marilyn Manson, Jimi Hendrix, Curt Cobain oder den Beatles erhältlich.

Manche Künstler versuchen sich dann aber auch selbst als Designer, so hat etwa der britische Musiker Noel Gallagher eine eigene Adidas-Sneaker-Kollektion auf den Markt gebracht. Kreative Fans spricht vielleicht eher das Fan-Malbuch der Rockband Ween an. Für verspielte Musikliebhaber hat die amerikanische Metal-Band Metallica ein Monopoly herausgebracht, mit dem sich die Spieler –laut Packungsangaben – ihr eigenes Metallica-Imperium errichten können. Fans, die in ihrer Freizeit auch mal in die Berge fahren, können dort mit Rolling-Stones-Ski von K2 die Pisten hinunterflitzen, und Anhänger der isländischen Band Sigur Rós können die verträumte Musik neuerdings per Nase geniessen. Die Musiker bieten nämlich eine Duftkerze an, die nach Lagerfeuer und nach dem Studio der Band riechen soll.

Bis zum bitteren Ende

Die amerikanische Hardrock-Band Kiss zählt nicht nur zu den erfolgreichsten Formationen aller Zeiten, nein, sie hat die Nase auch beim Merchandising ziemlich weit vorne: Flip-Flops, Spielzeugfiguren, Kochschürzen, Velohelme, Nachttischlampen und Bier gehören noch zu den normaleren Artikeln. Denn die Band hat ihr eigenes Ketchup, verkauft Rugby-bälle ebenso wie Flipperkästen und schreckt nicht einmal vor einem Sarg mit Bandlogo zurück. Für jeden Moment im Leben des Fans gibt es einen Kiss-Artikel.

Hat die Digitalisierung der Musik dieser Industrie dermassen Schaden zugefügt, dass die Musiker die finanziellen Ausfälle durch den Absatzschwund so wettmachen müssen? Oder handelt es sich hier ganz einfach um Grössenwahnsinn? Die Antwort bleibt offen, aber der Gang zum Merchandise-Stand bei Konzerten kommt so einem Gang in den Gemischtwarenladen gleich.

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