MUSIK: Das Ende einer Epoche

Ab sofort erscheint die englische Musikzeitschrift «New Musical Express» nur noch im Internet. Es ist der Niedergang einer grossen Institution.
Das Cover der aktuellen und letzten Printausgabe. (Bild: NME)

Das Cover der aktuellen und letzten Printausgabe. (Bild: NME)

Gegen das Ende hin ging alles plötzlich schnell. Im September 2015 wurde der «New Musical Express» (NME) neu als wöchentliche Gratiszeitung lanciert. Nachdem die Verkaufszahlen am Kiosk zuletzt unter die 20000-Grenze gefallen waren, behauptete man nun, mit 307217 Exemplaren auf Anhieb den Rekord von 306881 aus dem Beatles-Jahr 1964 eingestellt zu haben. Es war ein Trugschluss. Obwohl das Blatt keinen Penny mehr kostete, blieben die turmhohen Stapel liegen. Kein Wunder: Es war zu einer lieblos zusammengewürfelten Ansammlung von Haaröl- und Jeansinseraten verkommen, in welcher Musik bloss noch ein schäbiges Anhängsel war. Statt ein neues Publikum zu finden, hatte sich das Blatt das eigene Grab geschaufelt.

Der Ton, mit welchem diese Grabtragung in Grossbritannien kommentiert wird, ist bezeichnend: Dass die Publikation im Internet weiterleben soll, wird höchstens in einem Nebensatz erwähnt. Denn obwohl es redliche Versuche gibt, das Konzept einer Musikzeitung mit Tiefgang ins Internet zu übersetzen, haben es selbst die besten noch nicht geschafft, über den Status einer Nischenexistenz hinauszukommen.

Wer sie nicht gelesen hatte, konnte nicht mitreden

Der «New Musical Express» ging 1952 aus der «Accordion Times and Musical Express» hervor, hatte aber einen schweren Stand. Da verfiel der Herausgeber auf die rettende Idee, eine Hitparade einzuführen, die nicht auf Jukebox-Plays, sondern auf Plattenverkäufen basierte. Der Konkurrenzkampf zwischen NME und «Melody Maker» war in der Folge eine zündende Antriebskraft vom Musikboom auf der Insel.

Mit den Beatles feierten die Zeitungen einen ersten Höhepunkt. Die Zeit von den Punks bis zum Ende der Smiths, dann das Britpopduell zwischen Blur und Oasis und nochmals die Libertines brachten weitere Haussen. Die Lektüre des NME gehörte zum guten Ton – genauso wie es zum guten Ton gehörte, über die Zeitschrift zu schimpfen. Denn sie wagte es, provokative Konzepte breitzuschlagen, sie liess sich seitenweise über die Bedeutung knorriger Aussenseiter aus. Die Sprache war voller Jargon, immer auf die Vermittlung oder den Verriss von Musik bedacht. Wer den NME nicht gelesen hatte, konnte nicht mitreden.

Das Verhängnis begann mit dem Ende der Libertines. Der Verlag IPC, ein Grossunternehmen, ordnete schrille Redesigns an, um ein poppigeres Publikum anzulocken. Aber ein solches hielt sich lieber an Youtube und Blogs. Schuld am Untergang des NME ist nicht primär das Internet, sondern die verfehlte Inhaltspolitik. Musikpublikationen auf Papier werden weiterhin gelesen. Das beweist in Grossbritannien der Erfolg von Zeitschriften wie «Crack» oder «Loud and Quiet», die in Plattenläden aufliegen und in punkto obskuren Inhalten und schrägen Einfällen die wahren Fackelträger für den Geist des «New Musical Express» sind.

Hanspeter Künzler

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.