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MULTITALENT: Der Menschen-Bildhauer

Kein Gletschereis zu kalt, kein privates Penthouse zu nobel: Der ästhetische Chirurg und bildende Künstler Urs Burki verschönerte seine Klientel mit Vorliebe ausserhalb von Operationssälen.
Brigitte Schmid-Gugler
Keine Notoperation an einem verunglückten Bergsteiger, sondern ein Facelifting auf dem Längfluh-Gletscher. Der im Februar dieses Jahres verstorbene plastische Chirurg Urs Burki fürchtete gefährliche Keime in herkömmlichen Operationssälen und verlegte deshalb viele Operationen unter den freien Himmel. (Bild: PD)

Keine Notoperation an einem verunglückten Bergsteiger, sondern ein Facelifting auf dem Längfluh-Gletscher. Der im Februar dieses Jahres verstorbene plastische Chirurg Urs Burki fürchtete gefährliche Keime in herkömmlichen Operationssälen und verlegte deshalb viele Operationen unter den freien Himmel. (Bild: PD)

Brigitte Schmid-Gugler

Urs Burki war ein Exzentriker. Zu seinen Spezialitäten gehörten Operationen im offenen Raum. An Orten, wo sich seine Kundschaft am wohlsten fühlte. Er war davon überzeugt, dass in Operationssälen viel zu viele gefährliche Keime herumschwirren und dass allgemein die sterile Atmosphäre nicht zu seiner Ausrichtung passte: Seine Schönheitsoperationen verstand er als skulpturale Performances, als Teil seines künstlerischen Schaffens.

Keine Mindere als die Mona Lisa von Leonardo da Vinci setzte er als Emblem über seine chirurgische Tätigkeit. 2005 war im Benteli-Verlag ein Buch erschienen, in welchem Urs Burki ausführlich über seine Harmonie-studien am menschlichen Gesicht berichtete. Ein «imaginäres Facelifting» führte er mittels Computersimulation auch am Gesicht der geheimnisvoll lächelnden Frau aus. Die Veränderungen lassen allerdings kaum noch etwas übrig des originalen Frauenporträts, geschaffen in einer Zeit, als sich Schönheitsoperationen auf das Ziehen von faulen Zähnen beschränkt haben dürften.

1945 war Burki im Solothurnischen auf die Welt gekommen. Die Familie kunstaffin; der Sohnemann nach den Worten seiner Frau Rosmarie Weibel, «beseelt vom Wunsch, leidenden Mitmenschen zu helfen». 1972 legte er sein Staatsexamen als Arzt ab und bildete sich zum ästhetischen Chirurgen weiter. 1990 ­eröffnete er eine Privatklinik in Genf und wurde zu einem führenden Schönheitschirurgen mit internationaler Klientel. Schon als junger Arzt hatte er in Luzern in Künstlerkreisen verkehrt. Kunsttheoretiker und Kurator Jean Christoph Ammann (bis 1977 Leiter des Kunstmuseums Luzern, danach Leiter der Kunsthalle Basel) und Künstler Urs Lüthi führten ihn in die damalige Fluxus- und Happening-Szene ein. Burki nahm selber an Kunstaktionen teil und schuf erste Skulpturen und Installationen.

«Jeder Künstler ist ein Egoist»

Auf jene Jahre zurück geht auch die Begegnung mit seiner Frau Rosmarie Weibel. «Es war Liebe auf den ersten Blick», sagt die heute 68-Jährige. Die Betriebswirtschafterin und Sportlerin folgte ihrem Partner nach Genf.

Der Zufall will es, dass sie heute, sonst hin- und herpendelnd zwischen den beiden Wohnsitzen Monte Carlo und Turin, in den Schweizer Freibergen weilt. In Noirmont engagiert sie sich im Sommer jeweils in einem Ferienprogramm für alleinerziehende Mütter. Im noblen Hotel des Dorfes bestellt sie – gross gewachsen und gertenschlank – Petit Fours und Kaffee und erzählt von den zahlreichen Talenten ihres gut aussehenden, athletischen und allseits bewunderten Göttergatten, aber auch von den Schwierigkeiten des Zusammenlebens mit ihm: «Jeder Künstler ist ein Egoist», sagt sie, das habe auch auf Urs Burki zugetroffen. Was sie aber nicht daran gehindert habe, ihn zu unterstützen, insbesondere während seiner Lebenskrisen; die erste, als er 2008 seine Klinik aufgegeben habe, um sich fortan ausschliesslich dem künstlerischen Schaffen zuzuwenden. «Er haderte mit dem Entscheid, seine Klinik aufgegeben zu haben, geriet immer wieder an den Rand der Verzweiflung und in seelische Not. Die Herausforderungen und natürlich auch die tägliche damit verbundene Anerkennung fehlten ihm», schildert Rosmarie Weibel.

Erste Retrospektive erst nach seinem Tod

Sie erzählt all das nicht, ohne wiederholt darauf hinzuweisen, dass ihr im Februar dieses Jahres verstorbene Ehemann mit ihr in einer konstanten medialen Verbindung stehe. Die metaphysisch-spirituelle Ebene spiele in ihrem Leben nicht erst seit der Zweitausbildung zur Bioenergetikerin, Qigong-Trainerin und Seminarleiterin eine zentrale Rolle.

Urs Burki starb im Februar dieses Jahres im Alter von 72 Jahren an Herzversagen. Wenig später richtete ihm die Bromer Collection in Roggwil im Kanton Bern – im Besitz des Immobilienhändlers und Kunstsammlers René Brogli – die erste Einzelausstellung aus.

Der Buchrücken des 560 Seiten dicken Wälzers, der gleichzeitig erschien, versehen mit handschriftlich verfassten Texten ­seiner Frau, Fotografien und Abbildungen der grossformatigen Malereien, Skulpturen und lyrischen Texten des Künstlers, ist nur verleimt. Wenn man das Buch öffnet und die Seiten durch den Daumen gleiten lässt, biegt sich dieser Rücken mit dem «chirurgischen» sichtbaren Bind­faden wie ein wirbelloses Tier. «Burki», in grossen Lettern darauf aufgedruckt, wird zum Schlangentänzer. «Chaos und Ordnung» heisst die Künstlermonografie, die neulich das Volumen des eigenen Milchkastens zu sprengen drohte. In dem im Vexer Verlag erschienenen objekthaften Werk ist nachzulesen und zu betrachten, wie vielseitig begabt, aber auch wie ambivalent der Mensch Urs Burki im Leben stand. Er inszenierte in der Fotografie gerne den nackten weiblichen Körper, er war der Aktionskunst und abstrakten Malerei zugetan, er trat als Cellist auf und beteiligte sich an Velorennen. Er sagte von sich, er sei gegen jegliche Monotonie und Uniformität. «Ich liebe das Unbekannte, Absurde und Paradoxe und ich liebe das Chaos und die Ordnung. ­Jedes zu seiner Zeit. Aber manchmal auch beides zusammen.»

Man stelle sich vor, Urs Burki hätte diese Aussage während einer seiner Schönheitsoperationen künstlerisch in die Tat umgesetzt... das wäre Kunst geworden!

«Neuer junger Wilder: Retro­spektive und Künstlermonografie» Vexer Verlag, 2017; «Urs Burki – Openair und Inhome Operationen», 2017; www.ursburki.ch

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