MODE: Shoppen professionell

Sie entscheiden, was in die Läden kommt. Zwei Ostschweizer Einkäufer über ihren Beruf zwischen Kleidern und Zahlen.

Diana Hagmann-Bula
Drucken
Teilen
Models führen Einkäufern in Paris die Kollektion von See by Chloé vor. (Bild: PD)

Models führen Einkäufern in Paris die Kollektion von See by Chloé vor. (Bild: PD)

Diana Hagmann-Bula

diana.hagmann-bula@tagblatt.ch

Wenn sie einkauft, dann richtig. In Paris, in herrschaftlichen Häusern oder leer stehenden Industriehallen, 800 Teile pro Saison, von Marken wie Isabel Marant, See by Chloé oder Sonia Rykiel. Natürlich nicht für den Eigenbedarf: Nicole Geser reist viermal jährlich in die Stadt an der Seine, um Neuheiten für ihr Modegeschäft Le Soir Le Jour in St. Gallen zu beschaffen. «Viele Einkäufer sitzen über ihre Excel-Listen gebeugt im Showroom und sagen Dinge wie ‹Ah, letzte Saison liefen die weissen Blusen gut. Davon brauchen wir wieder welche.›», erzählt Nicole Geser. Sie hingegen verlasse sich lieber auf ihr Bauchgefühl. «Ich bin eine spontane Einkäuferin.» Will heissen: Das Teil muss begeistern, sie und nicht die Masse. «Ich will mit meiner Auswahl überraschen, anregen, modisch Neues zu wagen. Ich will herausfordern.»

«Vor Ort aufschnappen, was in der Luft liegt»

Wer der Frau mit dem beigeblonden Haar zuhört, merkt rasch, dass Mode für sie mehr ist als nur ein Geschäft. Etwas Grossartiges, eine Leidenschaft. An Modemessen oder bei Agenturen einzukaufen, die verschiedene Marken vertreten, käme für Nicole Geser nicht in Frage. «Um einen Designer und seine Entwürfe zu verstehen, muss ich vor Ort und im Showroom sein. Nur dort nimmt man den Geist des Labels wahr und erkennt die Trends.» Das Gespür für das nächste grosse modische Ding: Erlernen lasse sich das nicht, sagt sie. «Entweder man hat die Fähigkeit, aufzuschnappen, was in der Luft liegt. Oder man hat sie nicht.»

Shoppen als Beruf, davon träumen viele. Nicole Geser betont aber, dass die Tage in Paris lang, hektisch und anstrengend sind. Am Samstag nach Ladenschluss steigt sie jeweils noch in den Flieger, der sie nach Frankreich bringt. Am nächsten Morgen um 9 Uhr steht sie bereits in einem Showroom. Models, deutlich natürlicher geschminkt als an den Fashion Weeks, drehen ihre Runden, zeigen Look für Look. Nicole Geser fotografiert, was ihr gefällt, markiert im sogenannten Line-Sheet – einem Heft, in dem alle Teile einer Kollektion skizziert sind –, was sie zu bestellen gedenkt. Der persönliche Assistent, den das Label ihr zur Seite gestellt hat, notiert mit, bittet Models, jene Stücke vorzuführen, welche die St. Galler Ladenbesitzerin kombinieren würde. «Ich könnte mir mit der Bestellung Zeit bis daheim lassen.» Tut sie aber nicht. «Ich vertraue meiner Stilsicherheit und muss mir die Auswahl nicht noch einmal durch den Kopf gehen lassen.»

Doch welches Stück in welchen Grössen? Nun denkt die 39-Jährige doch an ihre Kundinnen. Und an deren Figuren. Plötzlich geht es auch bei ihr mehr um Zahlen und weniger um Mode. Gefallen ihr die Entwürfe eines Designers nicht, setzt sie den frei gewordenen Betrag bei einer anderen Marke ein. Und ist das Budgetlimit erreicht, hat der Kaufrausch ein Ende. «Schliesslich muss ich die Ware cash vorfinanzieren. Unterdessen komme ich ohne finanzielle Unterstützung aus.» Bis zu fünf Showroom-Termine packt sie in einen Tag.

Im Laden haben, was Kate Middleton trägt

Was Nicole Geser mit der Kamera festhält, darf sie nur privat verwenden, weder auf Instagram noch Facebook veröffentlichen, bevor die Kleider in die Geschäfte gelangen. Die Einkäuferin muss eine Geheimhaltungserklärung unterschreiben. Das zeigt, wie sehr sich die Designer vor Spionen fürchten. Ausgesandt von Billig-Modeketten, die innert sechs Wochen nachproduzieren lassen, was sie bei den Grossen aufgeschnappt haben. Zurück aus der Modestadt kontrolliert sie die Bestellungen. Die Kleider treffen vier bis sechs Monate später per Kurier in Kartonschachteln verpackt in St. Gallen ein. «Jede Hose, jedes Oberteil muss aufgebügelt werden. Meine Mutter hilft dabei.» Wenn Kundinnen sich ob dem Anblick der neuen Auswahl freuen, fühlt sich Nicole Geser bestätigt. Auch, wenn sie in Magazinen wie Vogue sieht, dass Stilikone Kate Middleton dasselbe Kleid trägt, wie bei ihr im Laden hängt.

Dass sie Labels wie Vanessa Bruno und Isabel Marant überhaupt verkaufen darf: Das hat sich die Modebegeisterte verdienen müssen. «Ich habe eine Dokumentation zusammengestellt, die mich, meine Liebe für Mode und die Vision meines eigenen Geschäfts beschrieben hat. Damit habe ich mich bei den Marken beworben.» Bei Vanessa Bruno landete das Dossier direkt auf dem Tisch der Designerin. «Sie hat meine Faszination für Mode erkannt, belohnt und zugesagt.» Von Isabel Marant hingegen hörte Nicole Geser über ein Jahr lang nichts, bei Besuchen in Paris liess man sie nicht bis zur Zuständigen vor. Sie hakte nach, wieder und wieder, bis eines Tages die Zusage doch eintraf. «Die wollten mich zuerst beobachten, sicher gehen, dass ihr Label in einem gehobenen Umfeld und in Gesellschaft anderer renommierter Designer präsentiert wird.»

Wie Nicole Geser kauft Erich Weber, Mitglied der Geschäftsleitung des Ostschweizer Modehauses Mode Weber, in Pariser Showrooms ein. Zusätzlich besucht er Modemessen in Kopenhagen, Düsseldorf, Mailand und Berlin, wo sich bis zu 400 Marken präsentieren. 50 Prozent Gespür, 50 Prozent Excel-Tabellen: So beschreibt er seinen Job. Und schon beginnt die grosse Rechnerei: «Auf welche Marken verteilen wir unser Jeansbudget? Welche Filiale hat welche Stückzahl zugute? Welche Farbe soll es sein?» Taucht Blutrot bei verschiedenen Designern auf, «so ist das ein Trend». Und verbringen die Einkäufer privat ein paar Tage in New York, beobachten sie, was dort angesagt ist. «Alles Dinge, die beim Einkauf helfen», sagt Weber. Ein Traumjob? «Ein Knochenjob», meint der 54-Jährige. Und erzählt, dass er sich nach einem hektischen Tag in Paris bei einem guten Essen erhole.

Bleibt die Skinny Jeans oder nicht?

Auch wenn ein gelber Pulli Erich Webers Modeherz zum Hüpfen bringt: Auffälliges bestellt er selten. «Unser Angebot muss kommerziell sein. Wir müssen die Löhne unserer Angestellten in den sieben Filialen bezahlen.» Trotz langjähriger Erfahrung komme es immer mal wieder vor, dass ein Kleidungsstück nicht läuft, obwohl er Potenzial in ihm gesehen hat. «Je weniger in den Ausverkauf geht, desto besser haben wir unseren Job gemacht.» Ein guter Job bedeutet: 70 Prozent des Sortiments ist weg, ehe «Sale» an den Schaufenstern steht. Nach den Rabatttagen sind 90 Prozent der Ware verkauft.

Nicole Geser und Erich Weber geniessen gerade den frühlingshaften März 2017, eingekauft haben sie jedoch schon für Herbst/Winter 2017/2018. Sie wissen, welche Neuheiten die Zukunft bringt. «Weite Hosen, grossgeschnittene Oberteile: Die Silhouette wird weiblicher, ohne einzuengen», sagt Geser. Weber hat das Gleiche beobachtet, glaubt aber dennoch, dass die Skinny Jeans bleibt. «Jede Frau, die nicht 1,80 Meter gross ist, sieht in den weiten Hosen aus wie geschrumpft.» In einem Jahr werden wir wissen, wer Recht hat.