Mitten im Leben

Vor zehn Jahren wurde das Holocaust-Mahnmal in Berlin der Öffentlichkeit übergeben. Die Deutschen haben den Erinnerungsort angenommen. Die anfängliche Skepsis ist gewichen.

Roland Mischke
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Das Stelenmeer im Häusermeer: Das Berliner Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, entworfen von Peter Eisenman. (Bild: fotolia)

Das Stelenmeer im Häusermeer: Das Berliner Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, entworfen von Peter Eisenman. (Bild: fotolia)

Menschen gehen einzeln oder in Gruppen in die Tiefe des gewellten Feldes mit den steinernen Stelen. Der Weg wird uneben, manchmal eng, kalt. In der Mitte bleibt nur der Blick in den Himmel, um die Beklommenheit aufzulösen, wieder durchatmen zu können. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist von den Deutschen angenommen worden.

Informationen unter der Erde

Die Auseinandersetzung mit dem Schicksal von Frauen, Männern und Kindern geht auf dem Rückweg mit ratternden Gedanken vonstatten: Wie muss das gewesen sein, als diese deportiert wurden, in endlos langen Waggons, in die Vernichtungslager kamen, über halb Europa verteilt, und nicht wussten, ob sie und die Familien das Unheil überstehen würden? Sechs Millionen Juden wurden im Zweiten Weltkrieg getötet. Auch Menschen anderer Nationen, aber die Juden büssten mit dem grössten Blutzoll. Wie müssen sie sich, ausgeliefert, Unschuldige, gefühlt haben? Kann man das nachfühlen?

Man kann es, im unterirdischen Informationszentrum, wenn man die Gesichter sieht, die Namen liest und die Stimmen Überlebender hört. Es gibt betroffene Mienen, es wird geweint, es wird viel geredet. In diesem Areal ist die Weltgeschichte verändert worden. Wo heute in den Ministergärten Ländervertretungen Flagge zeigen, wehte die Hakenkreuzfahne. Hier lagen die Bunker von Hitler, Goebbels und Konsorten.

Als im Mai 2005 erstmals das monumentale Denkmal am östlichen Rand des Tiergartens zu begehen war, gab es viel Skepsis. 2711 Betonquader, in unterschiedlicher Grösse gestaffelt, hartes Material und die Fläche von allen Seiten Tag und Nacht begehbar – würde das gehen?

Am Anfang war Skepsis

Nichts ist geschehen, von Kleinigkeiten abgesehen. Einzig nutzten jüngere Leute manchmal die Stelen als Hüpfplatz, bis Sicherheitspersonal eingriff. Das gibt es heute kaum noch. «Am ersten Tag gab es ein paar kleine Hakenkreuze mit Bleistift, und das war's», hat die unermüdliche Initiatorin Lea Rosh dem «Tagesspiegel» gesagt. Die Zugereisten achten die Sicherheitsleute, die ohne Waffe rund um die Uhr um das Feld kontrollieren. Diese sind besonders geschult, höflich, aber auch eindeutig. Sie repräsentieren ein Deutschland, in dem nicht mehr gebrüllt wird.

Am Mahnmal für die ermordeten Juden Europas gibt es ausser der Besucherordnung, die im Boden eingelassen ist, keine Gebrauchsanweisung. Jede Form des Gedenkens ist erlaubt. Aber auch das Leben kommt in die Stelenlandschaft. Menschen posieren zwischen den Steinen für Fotos, sitzen auf den Blöcken, unterhalten sich. Es ist diese Freiheit, die das Nationalsozialistische verhöhnt. Das Leben war stärker als der faschistische Todeswahn.