Mitten aus dem Winterschlaf geweckt

Die flachstehende Sonne blendet einem auf der Terrasse direkt ins Gesicht. Doch plötzlich ein Schatten: Ein Schmetterling fliegt Ende Dezember quietschfidel über die Terrasse, nimmt ein Sonnenbad an der Fassade.

Bruno Knellwolf
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Das Tagpfauenauge. (Bild: Hubacher)

Das Tagpfauenauge. (Bild: Hubacher)

Die flachstehende Sonne blendet einem auf der Terrasse direkt ins Gesicht. Doch plötzlich ein Schatten: Ein Schmetterling fliegt Ende Dezember quietschfidel über die Terrasse, nimmt ein Sonnenbad an der Fassade.

Eigentlich befände sich dieses Tagpfauenauge im Winterschlaf oder besser gesagt in der Winterstarre, erklärt Toni Bürgin, Direktor des Naturmuseums St. Gallen. «Es gibt einige Arten bei uns, die als Falter überwintern.» Die meisten verstecken sich im Unterholz und lassen sich dort durchfrieren. «Sie haben spezielle Substanzen im Blut, welche das Durchkristallisieren des Wassers verhindern.» Ein Frostschutz. Ansonsten würden ihre Gefässwände und Organe zerschnitten. Nicht nur das Tagpfauenauge überwintert so, sondern auch der Kleine Fuchs und der Zitronenfalter, der dann manchmal tiefgefroren im Schnee liegt, was ihm aber nichts ausmacht.

Fettvorräte müssen reichen

Das Tagpfauenauge sucht Unterschlupf in Ritzen von Häusern und bleibt dort in Winterstarre. Wird es aber warm wie zurzeit, werden diese Schmetterlinge wieder aktiv und fliegen aus. An sich ist das kein Problem, wenn der Ausflug kurz ist. Wird es kalt, verfallen sie wieder in Starre. Hält die Wärme aber zu lange an, verbrauchen die Falter ihre Fettvorräte, die sie im Frühling brauchen, um neu zu starten.

Dazu kommt, dass sie auf ihren Winterausflügen keine Nahrung finden, weil nichts blüht. «Es gibt zwar jetzt einzelne Pflanzen, die blühen, aber darauf sind die Schmetterlinge nicht spezialisiert», sagt Bürgin. Da nützt es auch wenig, dass zur Zeit bereits die ersten Forsythien blühen oder im Süddeutschen sogar schon Kirschblüten. Toni Bürgin erinnert sich aber, dass es im Dezember 2006 ähnlich warm war und auch damals Tiere und Pflanzen ziemlich irritiert waren.

Fünf Winterstrategien

Diese Strategie, als Falter zu überwintern, ist nur eine der Möglichkeiten wie Schmetterlinge überleben. Eine andere Strategie ist es, als Puppe zu überwintern. Die sind entweder an Pflanzenteilen angesponnen, in Kokons eingesponnen oder im Boden eingegraben. Das macht der Schwalbenschwanz und der Aurorafalter.

Eine dritte Strategie ist es, als Raupe zu überwintern. Manche verkriechen sich in der Vegetation, andere bauen sich ein Überwinterungsgespinst, einige überwintern völlig ungeschützt an Pflanzenteilen. Als Raupe überwintert der Grosse Schillerfalter und Bläulinge. Eine weitere Strategie ist die Überwinterung als Ei, wie es der Apollofalter macht – schon im Sommer angeheftet an Pflanzenteile. Dann gibt es noch die Strategie der Wanderung: Distelfalter, Postillion und Admiral zieht es in den warmen Süden.

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