Mit Federboa und Melone in den Rausch

Im Rheintal gibt es viele Feste, an denen vor allem getrunken wird. Eine Ausnahme ist da die Manhattan-Cocktail-Party. Für dieses Fest ziehen sich die Gäste mottogetreu im Stil der 20er-Jahre an. Alles ist anders – und eben doch ein bisschen gleich.

Claudio Donati
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Das Rheintaler Partyvolk feiert mit Stil. Zumindest einmal im Jahr an der Manhattan-Cocktail-Party. (Bild: Claudio Donati)

Das Rheintaler Partyvolk feiert mit Stil. Zumindest einmal im Jahr an der Manhattan-Cocktail-Party. (Bild: Claudio Donati)

Ein Zelt, Festbänke und viel Bier – das ist alles, was es im Rheintal für eine rauschende Party braucht. Die Festkultur der Region ist, sagen wir, nicht gerade berühmt für ihre hohen Ansprüche. Die Rheintaler sind ein genügsames Volk. Einmal im Jahr aber ist alles anders, fast alles. Dann steigt in Marbach die Manhattan-Cocktail-Party.

2009 begann die Erfolgsgeschichte der Manhattan-Cocktail-Party in einer Firmen-Eingangshalle. Ein paar Studenten mixten Cocktails, aber keiner wusste wirklich, wie es geht, erzählt eine Studentin, die von Beginn weg dabei war. Die Erstauflage war dennoch ein Erfolg und vier Jahre später geniesst die gemäss Organisatoren «edelste Party des Jahres» schon Kultstatus.

Turnhalle mit Kronleuchtern

Crêpes und Bruschetta statt Bratwurst und Hot Dog, Cosmopolitan statt Lager Hell, Stil statt Halli Galli. Das vom Rheintaler Studentenverein Impuls organisierte Spektakel liegt wie eine Oase in der wilden Partywüste namens Rheintal. Kein Anlass ist beliebter, der Vorverkauf dauerte eine halbe Stunde, dann waren alle Eintrittskarten weg.

Die 800 Gäste erscheinen in ihren schönsten Kleidern (oder jenen der Eltern), gehen über einen roten Teppich, lassen sich fotografieren und treten schliesslich ein, in eine zum schillernden Palast umfunktionierte Turnhalle. An der Decke hängen gebastelte Kronleuchter, an der Bar gibt es verschiedene Cocktails. Alles ist detailgetreu dekoriert, passend zu den Goldenen 20er-Jahren, dem Motto. Sie scheinen an diesem Abend greifbar. Charlie Chaplin mischt sich unter die Gäste und animiert sie zu kleinen Spielchen. Im Jazzgarten erklingen Saxophonklänge. Wo sich sonst die Bühne der Mehrzweckhalle befindet, wird zum Fotoshooting aufs Dach hoch über New York geladen. Die Studenten hinter der Bar haben längstens gelernt, wie man einen guten Cocktail mixt. Die ganze Organisation ist professionell aufgezogen.

«Schöner als sonst»

Es scheint für viele ein Bedürfnis zu sein, für einmal eine elegante Rolle zu spielen. Und, wie ein Gast bemerkt, «die Leute sind hier wirklich schöner als sonst». Viele der Frauen haben sich Mühe gegeben, den 20er-Jahren gerecht zu werden. Sie tragen Federboas, Haarbänder, Handschuhe, Perlenketten, es funkelt und glitzert aus allen Ecken. Unter den Männern sind Melonen Trumpf, aber auch Hosenträger, Gilets und Gehstöcke.

Was für ein Kontrast zu all diesen Holzfäller-Parties, die es das ganze Jahr über gibt! Keine Frage, im Rheintal hat die Manhattan-Cocktail-Party einzigartigen Charakter. Sind andere Feste manchmal fast schon ein kollektives Besäufnis, ist diese hier ein kollektiver Rausch im Anzug. Hier ist beides möglich: Feiern auf edle Weise (mit Stil) – oder eben auf klassische Rheintaler Weise (mit viel).