Mit dem Züri-Tram zum Bestseller

Das fünfte «Zürich liest» bot von Donnerstag bis Sonntag 150 Veranstaltungen. Mit Lesungen im Tram, Poetry Slams und Verlagsbesuchen bis zu Dichterduetten und vielen bekannten Namen macht Zürich Solothurn Konkurrenz.

Hansruedi Kugler
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«Tief in uns haben wir alle einen Hund. Wouou» – Sandra Künzi, Slam-Poetin der ersten Stunde, am Samstag im «Zürich liest»-Tram. (Bild: Hansruedi Kugler)

«Tief in uns haben wir alle einen Hund. Wouou» – Sandra Künzi, Slam-Poetin der ersten Stunde, am Samstag im «Zürich liest»-Tram. (Bild: Hansruedi Kugler)

Bereits 3000 verkaufte Bücher machen in der Schweiz einen Autor zu einem Bestsellerautor. Die Slam-Poeten Sandra Künzi und Rolf Hermann liegen deutlich unter dieser Schallmauer. Das scheint sie kaum zu kümmern, denn sie leben vor allem von ihren grell-amüsanten Performances und brachten das «Zürich liest»-Tram zum Lachen. Hermann erzählte von der Grosstante, die ihrem Mann Katzenfutter zu essen gab, Künzi von Godi, der nach der Obama-Wahl mit schwarzbemaltem Kopf zur Arbeit geht: «Choose your true color.» Blanca Imboden hingegen hat von «Wandern ist doof» 23 000 Exemplare verkauft. Die Innerschweizerin erzählte am Samstag beim Wörterseh-Verlag ihr Erfolgsrezept: «Ich schreibe Unterhaltungsgschichtli mit Humor.» Mit ihrem Buch «Die Kalorien-Königin» hatte sie sogar den Sprung nach Deutschland geschafft: «Der Jo-Jo-Effekt ist praktisch mit mir verwandt.» Zwei Beispiele für den frischen Zugang von «Zürich liest» zum Thema Literatur. Man hätte aber auch Arno Camenisch, Lukas Hartmann, Adolf Muschg, Peter Stamm oder alle fünf für den Schweizer Buchpreis Nominierten hören können.

Es liest ganze Literaturszene

Zürich ist ein teures Pflaster. Hier zahlt man für eine Lesung auch mal 25 Franken. Unverkennbar auch: Wie beim Film strebt Zürich unter den vielen Literaturfestivals in der Schweiz allein schon durch seine Grüsse eine führende Rolle an. Schaut man sich die Programmdichte von «Zürich liest» an, stellt man fest: Hier liest fast die gesamte Schweizer Literaturszene – an originellen Schauplätzen und in unterhaltsamen Konstellationen. Ein frischer Zürcher Wind weht also in der Literaturvermittlung. Mit 15 000 Besuchern ist Solothurn immer noch Platzhirsch unter den Schweizer Literaturfestivals. «Wortlaut» St. Gallen brachte es dieses Jahr immerhin auf 2200. Ob Zürich den Solothurner Literaturtagen seinen Führungsrang ablaufen kann, ist trotzdem nicht anzunehmen. Dies hat vor allem atmosphärische Gründe: Auch wenn Solothurn an Überalterung leidet und an altbackenen Lesungen festhält – die Aarestadt verwandelt sich jeweils in eine charmante Festivalstadt. Im viel grösseren Zürich geht das Literaturfestival im Stadtbild unter.

Festival der langen Wege

Anders als in Solothurn oder auch beim «Wortlaut»-Festival in St. Gallen ist «Zürich liest» ein Festival der langen Wege. Veranstalter ist der Zürcher Buchhändler- und Verlegerverein mit vielen Partnern. Die Veranstaltungen sind deshalb über Stadt und Kanton verteilt. Ein genauer Zeitplan ist unerlässlich und gefragt ist Entdeckergeist. Wer diesen und dazu einen Stadtplan von Zürich mitbringt, wird belohnt. Man ging um Mitternacht zur Lesung des Dichters Said in die Krypta des Grossmünsters, hörte auf dem Ledischiff den historischen Roman «Weinhebers Koffer» von Michel Bergmann und schlenderte in die Dada-Zentrale im Niederdorf: Dort erzählte Comic-Autor Mathias Gnehm multivisuell aus «Die kopierte Stadt» mit Diashow und Livekommentar die düstere Geschichte einer Irrfahrt in die chinesische Millionenstadt Kunming. Früh ausgebucht war nicht nur die Camenisch-Lesung (in der Shopville-Buchhandlung Barth war die Platzzahl ohnehin viel zu gering), sondern auch die Kinderworkshops: Eva Wannenmacher las aus «Rösslein Hü». Die Bilanz des Festivals? Die meisten der Veranstaltungen seien ausverkauft gewesen, sagte Festivalleiterin Violanta von Salis gestern. Ob die Besucherzahlen an Solothurn heranreichen? Für genaue Zahlen fehle ihr noch der Überblick, sagt sie.

Klaus Merz Schriftsteller (Bild: Haymon Verlag)

Klaus Merz Schriftsteller (Bild: Haymon Verlag)