Mit Binoche in der Arktis

Isabel Coixets «Nobody Wants the Night» eröffnete die 65. Berlinale. Das Arktisdrama wurde reserviert aufgenommen. Doch die nächsten zehn Tage versprechen einiges.

Walter Gasperi, Berlin
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Juliette Binoche im Berlinale-Eröffnungsfilm «Nobody Wants the Night». (Bild: Leandro Betancor)

Juliette Binoche im Berlinale-Eröffnungsfilm «Nobody Wants the Night». (Bild: Leandro Betancor)

Von Frauen zu erzählen, die sich auf extreme Abenteuer einlassen, scheint ein kleiner Trend im aktuellen Kino. Nachdem Mia Wasikowska in «Tracks» den australischen Outback durchquerte, Reese Witherspoon in «Wild» durch die Rocky Mountains wanderte und Hilary Swank in «The Homesman» durch den Wilden Westen zog, erzählt Isabel Coixet in «Nobody Wants the Night» von der Forschergattin Josephine Peary. Mit einem Iren und zwei Inuit folgte sie 1908 ihrem schon zuvor aufgebrochenen Mann Robert Richtung Nordpol.

Kammerspiel ohne Spannung

Was als Expeditionsdrama mit bekannten Gefahren wie Lawinen und Einbruch auf Eisschollen beginnt, kommt mit der Ankunft am Versorgungspunkt zum Stillstand. Während sich Josephines Begleiter auf den Rückweg machen, beschliesst sie mit einer jungen Inuit auf die Rückkehr ihres Mann zu warten.

Grossartig sind die Landschaftstotalen und überzeugend schildert Coixet den Gegensatz von kultivierter US-Dame und indigener Bevölkerung. Plastisch vermittelt die Katalanin auch die Anfang des 20. Jahrhunderts verbreitete Vorstellung von der Überlegenheit der Weissen, die glauben, die Indigenen zivilisieren zu müssen. Doch Spannung entwickelt das Drama nur selten. Zu geradlinig und überraschungsarm ist die Erzählweise, zu schematisch angelegt die Charaktere und Konfliktsituation des Zwei-Personen-Kammerspiels in weiter Landschaft.

Malick, Wenders und Herzog

Der Eröffnungsfilm stimmte jedenfalls auf das von Berlinale-Direktor Dieter Kosslick erklärte Motto «Starke Frauen in extremen Situationen» ein. Dazu wird Werner Herzogs «Queen of Desert» passen, worin er Nicole Kidman als britische Forscherin und Diplomatin Gertrude Bell (1868–1926) in die arabische Wüste schickt. Neben Herzog ist Deutschland im 19 Filme umfassenden Wettbewerb mit Andreas Dresens «Als wir träumten» und Sebastian Schippers «Victoria» vertreten. Dazu ausser Konkurrenz das 3D-Drama «Every Thing Will Be Fine» von Wim Wenders, der mit einem Ehrenbären ausgezeichnet wird, und Oliver Hirschbiegels «Elser» über den Hitler-Attentäter Georg Elser.

Die USA ist im Wettbewerb zwar «nur» mit Terrence Malicks «Knight of Cups» vertreten, doch der Auftritt von Natalie Portman und Christian Bale wird ebenso Aufregung auslösen wie die Premiere von «Fifty Shades of Grey». Mit der Bestsellerverfilmung will Kosslick etwas für die Massen bieten, ebenso wie mit Kenneth Branaghs Märchenfilm «Cinderella».

Für engagierte Filmkunst stehen dagegen der Iraner Jafar Panahi, dem es trotz Berufsverbot gelungen ist, mit «Taxi» einen weiteren Film zu drehen, der Chilene Patricio Guzman, der mit «Der Perlmuttknopf» den einzigen Dokumentarfilm zum Wettbewerb beisteuert, oder sein Landsmann Pablo Larrain, der mit «El Club» seinen Nachfolgefilm zu «No!» vorlegt.

Schweizer Präsenz

Die Schweiz ist im Wettbewerb als Koproduzentin von «Vergine giurata» vertreten. Spannend klingt auf jeden Fall das Thema: Die Italienerin Laura Bispuri beschäftigt sich in ihrem Début mit dem albanischen Brauch der «eingeschworenen Jungfrauen», die auf sexuelle Beziehungen völlig verzichten und die Rolle eines Mannes übernehmen. Daneben laufen im «Panorama» Stina Werenfels' «Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» sowie Samirs 3D-Dokumentarfilm «Iraqi Odyssey».

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