Mist wird zu Gold

Käse, Schokolade und Goldbarren stehen für die Schweiz. Walter Wolf Windisch baut sie aus Kuhfladen nach – und vergoldet sie.

Kathrin Zellweger
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Walter Wolf Windisch: «Ich gebe zu, dass diese verrückte Idee nur in der Schweiz funktioniert.» (Bilder: Reto Martin)

Walter Wolf Windisch: «Ich gebe zu, dass diese verrückte Idee nur in der Schweiz funktioniert.» (Bilder: Reto Martin)

Tatort Nummer 1: Schwägalp, Sommer 2012. In jeder Hand hat Walter Wolf Windisch einen Kübel, voll mit feuchten Kuhfladen, «bloss eine halbe Stunde alt». Er schleppt die Eimer zum Auto und fährt damit an den Bodensee. Tatort Nummer 2: Sein Atelier in Tägerwilen, wo er die unappetitliche Masse zwei Zentimeter dick auf Gitterroste ausstreicht und trocknen lässt. Zurück bleibt nach einer Woche eine nach Heu duftende braune Platte – nur noch ein Zehntel so schwer wie damals, als er die Kuhfladen auf der Alp einsammelte.

Inspiration Documenta

Gemörsert und verrieben, vermischt Windisch die Masse mit einem Bindemittel, in dem kleine Blattgoldplättchen eingerührt sind. In Formen gegossen, entstehen braune Barren, Schokoladetafeln und Käsestücke, die der 64jährige Heidelberger minutiös vergoldet. Ist dieser Mann ein Verrückter, ein Erfinder oder ein Scherzkeks? Weder noch oder alles ein bisschen. Der Einfall, aus Kuhmist Goldbarren zu machen, kam ihm nach dem Besuch der Documenta 2012, wo er aus Torf gepresste Barren sah.

16 Monate sass er in seinem Atelier, pröbelte am richtigen Bindemittel in der richtigen Viskosität, suchte bei verschiedenen Vergoldern nach der am besten haftenden Vergoldung, bis er entnervt entschied: Jetzt lerne ich das Metier von der Pike auf und vergolde alles selbst und von Hand. Verbissen und zäh blieb er dran. «In dieser Sturheit, die vielleicht auf das preussische Erbe meines Vaters zurückgeht, lag schon früher mein Erfolg. Was ich tue, muss perfekt sein, und dafür arbeite ich hart und geduldig. Handmade in Switzerland.» Klar spielt auch der Zufall mit. Er lacht verschmitzt. «Ich würfle einfach öfter – bis ich einen Sechser habe.» Irgendwie kommt einem Walter Wolf Windisch vor wie eine Mischung aus Daniel Düsentrieb und pfiffigem Unternehmer. «Ich gebe zu, dass diese verrückte Idee nur in der Schweiz funktioniert. Es ist übrigens das erste Mal in meinem Leben, dass ich etwas mache, das keine direkte Funktion hat.» Aber absichtslos ist seine Geschäftsidee nicht.

Ein gutes Stück Arbeit

Nach den Goldbarren, der Schokoladetafel und dem löchrigen Käsestück hat er weitere Gussformen entwickelt. Es entstand eine 9er-Serie von Pralinen – vom Luxemburgerli bis zum Napolitaine, die in Form, Grösse und Aussehen mit jenen berühmter Confiseure konkurrieren können. Im November letzten Jahres war es so weit, dass Windisch seine Produkte, mit dem Stempel Swiss CowGold® versehen, der Öffentlichkeit zeigen konnte.

Seine Editionen, die Schokoladetafeln, der Käse und die Goldbarren, werden zu je 99 Stück hergestellt und in Galerien zu kaufen sein. Preis: 999 Franken, weil Windisch dafür 999er-Gold (24 Karat) verwendet. Daneben schwebt ihm auch eine serielle Produktion vor; derzeit sind es die Schatullen mit den neun Pralinen, die er über Designerläden oder Museumsshops vertreiben möchte, «die mindestens 50 Franken kosten werden». Er schaut über den Brillenrand: «Es ist doch ein gutes Stück Arbeit, das ich da habe.»

Mist für den Weltmarkt

Es wird kaum lange dauern, bis er weitere Kreationen zeigen kann. Schon sind bei Windisch Anfragen eingegangen, ob er nicht die Sonne eines Wintersportortes in seine Produktion aufnehmen möchte. Oder vielleicht wäre das Edelweiss ein Sujet, das sich als Swiss- CowGold-Produkt vermarkten liesse. Es arbeitet hinter seiner Stirn: «Der Schritt zur kitschigen Billigschiene ist klein. Swissness legitimiert nicht alles.»

Ganz wie es seine Initialen WWW suggerieren, will er mit seinen Produkten in die Welt hinaus, vor allem auf den amerikanischen Markt. Für seine potenzielle Kundschaft hat er einen Flyer in Englisch kreiert, worin er sich als «artist» bezeichnet. Mit der deutschen Übersetzung «Künstler» dagegen tut er sich schwer. «Ich sehe mich nicht als Künstler und will auch keiner sein. Ich glaube ja auch nicht an den Kuss der Muse. Ich will als <créateur> bezeichnet werden, als einer, der etwas entwickelt oder erfindet.» Er denkt nach und korrigiert: «Man er-findet ja nichts, man findet etwas.» Mit dieser Präzisierung geht er geschickt Plagiatsvorwürfen von Künstlern aus dem Weg, die ihm vorhalten könnten, dass sich schon andere in der Kunstszene von Kuhfladen haben inspirieren lassen.

Keine sozialpolitische Botschaft

Bis vor etwa zehn Jahren verdiente Windisch gutes Geld als Creative Director. «Meine Produkte waren immer durch ihre Ästhetik definiert, die gleichwertig neben der Funktionalität stand.» Heute ist die Ästhetik das einzige Kriterium, dem er sich beugt. Ein Produkt, das die Massen erreicht und von Hinz und Kunz gekauft werden kann, interessiert ihn nicht. «Diesbezüglich habe ich einen elitären Anspruch. Ihren Wert bekommen meine Objets d'art nicht durch das applizierte Gold. Ihre Exklusivität besteht in der Verrücktheit meiner Idee, durch die gegensätzlichen Materialwerte.» Könnte es sein, dass er das Publikum an der Nase herumführen will, weil unter dem Blattgold bloss Kuhmist ist? «Nein», entrüstet er sich. «Ich verfolge damit auch keine gesellschaftspolitische Botschaft, dass Reichtum und Scheisse zusammengehören. Mir ist jede Art von Ideologie ein Greuel.» Nichtsdestotrotz freut er sich diebisch, wenn die Leute verwirrt sind, sobald sie erfahren, was der Kern der Schokolade oder des Goldbarrens ist.

Mit einer verrückten Idee und Handarbeit zum Gold-Schöggeli aus Kuhfladen. (Bilder: Reto Martin)

Mit einer verrückten Idee und Handarbeit zum Gold-Schöggeli aus Kuhfladen. (Bilder: Reto Martin)

Tägerwilen TG - Walter Wolf Windisch kreiert aus Kuhmist und Gold Schmuck- und Kunstgegenstände. Er nennt es Swiss Cow Gold. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Tägerwilen TG - Walter Wolf Windisch kreiert aus Kuhmist und Gold Schmuck- und Kunstgegenstände. Er nennt es Swiss Cow Gold. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))