MINIHUNDE: Der Dauer-Welpe

Ein Teacup-Dog kann nicht winzig genug sein: Die kleinen Modehündchen mit dem grossen Jöö-Effekt sind so zierlich, dass sie in eine Teetasse oder Handtasche passen. Doch diese Züchtungen sind umstritten.

Christa Kamm-Sager
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Ein Teacup-Dog ist so klein, dass er in einer Teetasse Platz findet. Normales Spazierengehen ist für solche Kleinsthunde bereits eine Herausforderung. (Bild: Yoshihisa Fujita/Getty)

Ein Teacup-Dog ist so klein, dass er in einer Teetasse Platz findet. Normales Spazierengehen ist für solche Kleinsthunde bereits eine Herausforderung. (Bild: Yoshihisa Fujita/Getty)

Kaum jemand kann sich dem schnusigen Anblick eines Hundewelpens entziehen. Doch jeder noch so herzige Welpe wird viel zu schnell ein ausgewachsener Hund. Anders der Teacup-Dog: Er soll für immer den Welpen-Jöö-Effekt beibehalten; das ist eines der Ziele in der Zucht dieser Kleinsthunde.

Geringere Lebenserwartung

Diese Minihunde sind Weiterzüchtungen von zu klein geborenen, meist schwachen Tieren einer kleinen Hunderasse. Herzig anzuschauen sind die Hündchen mit dem übergrossen Kopf und den Kulleraugen – doch oft sind die extrem kleinen Hunde genetisch benachteiligt. Sie sind deshalb anfälliger für Krankheiten und haben in der Regel eine geringere Lebenserwartung als normalgrosse Artgenossen.

«Schon bei der Geburt kann es zu Problemen kommen», sagt Ricarda Toscanelli, Vorstandsmitglied beim Schweizer Club der kleinen Hunde. Ist eine trächtige Hündin zu klein, könne sie oft die Welpen nicht gut gebären. Unter Umständen sterbe sie sogar bei der Geburt. Diese Gefahr besteht auch für die Welpen. «Bei Teacup-Dogs ist eine Grenze der Zucht eindeutig überschritten. Unsere kleinen Hunderassen sind klein genug», ist Ricarda Tos­canelli, die selber Kleinhunde züchtet, überzeugt. «Man darf in der Zucht von Tieren nicht immer noch weiter gehen.» Leute, die sich so einen Hund kaufen ­würden, wollten damit Aufmerksamkeit erregen oder mit dem Dauer-Welpen einen «gewissen Mutterinstinkt ausleben», sagt Ricarda Toscanelli.

Besondere Betreuung im Hundealltag

Hotelerbin und Model Paris Hilton löste mit ihrem Mini-Chi­huahua Tinkerbell in den USA einen ersten Teacup-Dog-Boom aus. Das Hündchen wurde stattliche 14 Jahre alt und Hilton trauerte um das Tier wie um ein Familienmitglied. Die Kleinsthunde sind nicht nur herzig, sondern auch praktisch – auf den ersten Blick zumindest: Sie sind leicht zu tragen, passen in eine Handtasche und können, da sie weit unter acht Kilogramm wiegen, im Passagierraum mitfliegen.

Aber kaum jemand, der den Hunden mit dem Kindchen-Schema-Gesicht – grosser Kopf, riesige Augen – verfallen ist, denkt auch an den Alltag mit so einem Minihund. «Bei diesen kleinen Hunden sind die Organe teilweise so klein, dass nicht selten ihre Funktion nicht mehr gewährleistet ist und die Hunde beeinträchtigt sind», sagt Hundezüchterin Toscanelli. Normales Spazierengehen ist schon eine Herausforderung. Treppen oder andere Hürden kann das Hündchen meist nicht ohne Hilfe bewältigen. Ein Teacup-Hund ist oft auf besondere Betreuung angewiesen. Oder dann passiert das Gegenteil: Der Hund wird zu sehr verhätschelt und verweichlicht.

Für alle anerkannten Hunderassen gibt es in der Schweiz Rassestandards. «Und über allem steht die Schweizer Tierschutzverordnung», so Toscanelli. Einen gewissen Spielraum lasse diese Verordnung zwar zu, aber mit hochbelasteten Tieren darf gemäss der Schweizer Tierschutzverordnung beispielsweise nicht gezüchtet werden.

Verbotene Zuchtformen

In diese Kategorie fallen auch extrem verzwergte Hunde. Tiere mit extremen Abweichungen von der Normalform, die ohne menschliche Hilfe nicht überleben können oder die deswegen nicht vorschriftsgemäss gehalten werden können, gehören ebenfalls zu den verbotenen Zuchtformen in der Schweiz. Schnell läuft so eine Tierhaltung unter Qualzucht. Wer trotz all dieser Vorbehalte einen Mini-Welpen sucht, der wird im Internet schnell fündig – muss aber je nach Wunsch tief in die Tasche greifen: VIP-Teacup-Dogs, die einen Verwandtschaftsgrad zu einem «berühmten» Kleinsthund aufweisen können, werden schon mal für 12'000 Dollar gehandelt – der Flugpreis für den Import ist in diesem Preis inbegriffen.

Für Ricarda Toscanelli ist der Import von Hunden nicht generell verwerflich. «Ich brauche für meine Bolonka-Zucht auch Tiere aus Deutschland.» Problematisch werde es dann, wenn man den Züchter, die Elterntiere oder zumindest die Mutter nicht zu Gesicht bekomme und die Welpen an anonymen Orten übergeben würden. «Dann müssen alle Alarmglocken läuten.»