Messer, Gabel und Kaltnadel

In der Ausstellung «Das Auge isst mit» zeigt die Druckgraphische Sammlung der ETH Zürich, wie Essen und Trinken auch die Künstler beschäftigte. Und wie die Ernährung untrennbar mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft verknüpft ist.

Beda Hanimann
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Zelebration des Essens: «Der Geschmackssinn» aus der Folge «Die fünf Sinne» von Abraham Bosse (1604–1676), Radierung, um 1638. (Bild: Graphische Sammlung der ETH Zürich)

Zelebration des Essens: «Der Geschmackssinn» aus der Folge «Die fünf Sinne» von Abraham Bosse (1604–1676), Radierung, um 1638. (Bild: Graphische Sammlung der ETH Zürich)

Ein Mann vor einem Glas am Tisch, daneben sitzt seine Frau mit einem Säugling an der Brust. «Trinkender Vater, stillende Mutter», so lautet der Titel der unscheinbaren Schabkunst-Miniatur von Cornelis Dusart aus dem 17. Jahrhundert. Der Kommentar der Ausstellungsmacher erst verdeutlicht die archetypische Tiefe der Szene. Er verweist auf Elias Canetti, der in «Masse und Macht» die Ideale der Gastlichkeit als die Ideale des Mütterlichen assoziiert habe.

Die Mutter erscheint als Urtyp des Wirtshauses, sie beherbergt und bewirtet einen künftigen Gast im eigenen Bauch und nährt ihn später von ihrer eigenen Milch. Diese Leidenschaft, den eigenen Leib als Nahrung anzubieten, gehöre auch zur Tradition des christlichen Abendmahls, schreibt die Kuratorin Eva Korazija mit Verweis auf die Verbindung von Eucharistie und Kannibalismus.

Reich bestückte Vorratskammer

Das zeigt schon: Der Ausstellungstitel «Das Auge isst mit» klingt zwar griffig, die geläufige Wendung ist aber leicht irreführend. Denn es geht hier nicht um die gängige Behauptung, ein gutes Essen müsse auch schön präsentiert werden. Hintergrund der Ausstellung ist vielmehr die Einsicht, dass das Künstlerauge auch das Essen und Trinken mit wachem Blick verfolgt. Oder anders gesagt: Dass die Ernährung auch in der Kunst ein grosses Thema ist.

Um das zu veranschaulichen, konnte sich die Ausstellungsmacherin in einer reich bestückten Vorratskammer bedienen. Die 1867 gegründete Graphische Sammlung der ETH umfasst rund 150 000 druckgraphische Werke und Zeichnungen vom 15. Jahrhundert bis heute und gilt als umfangreichste Sammlung von Druckgraphik in der Schweiz.

Essen und Politik

Die ausgewählten Zeichnungen, Radierungen, Holzschnitte und Drucke – gegliedert nach Themen wie Produktion, Wirtshaus, Prosit, Politik oder Geschmack – sind Zeitzeugen gesellschaftlicher Gegebenheiten. Abraham Bosses Radierung «Der Geschmack» ist ein Tischsittengemälde aus dem 17. Jahrhundert und verweist auf den Übergang zur eleganten Tafel, neben der auch das Hündchen seinen eigenen Teller hat.

Dass das Essen ein steter Begleiter des politischen Lebens ist, zeigt eine Reihe von historischen Ereignissen wie Wilhelm Suters Radierung «Kappeler Milchsuppe», Maurice Bauds Holzstich der Genfer Escalade, wo eine siedende Gemüsesuppe eine Rolle spielt, oder Karl Gottlieb Guttenbergs Darstellung der Bostoner Tea Party von 1773, die am Anfang des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges steht und die konservativen Tea-Partys von heute als schiefe Analogie entlarvt.

Der Elefant auf dem Denkmal

Die gesellschaftliche Relevanz des Essens wird auch deutlich in Edouard Manets Warteschlange vor der Metzgerei, welche die prekäre Versorgungslage in Paris während des Krieges von 1870/71 thematisiert, oder im Denkmal eines Elefanten des 1977 geborenen Pablo Bronstein, der daran erinnert, dass im deutsch-französischen Krieg aus Mangel an Nachschub in Paris auch Zootiere verspeist wurden.

Klassiker der Kunstgeschichte sind Stillleben von Lebensmitteln, vom Kürbis über Fische bis zu Andy Warhols «Campell's Soup», Adriaen van Ostades Schlachtszene oder Lucas van Leydens Kupferstich «Das Milchmädchen». Im Begriff melken, der im Mittelniederländischen auch locken heisst, spielt der erotische Hintersinn von Essen und Trinken, von Servieren und Anbieten mit.

Es ist durchaus im Sinne der Ausstellungsmacherin, dass man das Stichwort «Liebesmittel» bei flüchtiger Betrachtung zuerst als «Lebensmittel» liest. Ambivalenz liegt auch in den Blättern zum Thema «Prosit», wenn Bacchus, der Gott des Weins, bei Hans Baldung Grien als trunkener Faun zu sehen ist.

Die Vielfalt der Druckgraphik

Die Tour d'horizon durch das Essen und Trinken in der Kunst ist auch ein faszinierender Querschnitt der Techniken graphischen Arbeitens. Von Bleistift, Kaltnadel und Druckstock bis zu Richard Mansfelds mit Filzstift bearbeitetem Pappteller der Love Parade und Dieter Roths Tischsets für das Bahnhofbuffet Basel oder dessen «Literaturwurst» aus «Spiegel»-Seiten, die mit Wasser, Gelatine und Gewürzen vermischt zur Wurst gepresst wurden.

ETH-Hauptgebäude, Zürich. Täglich 10–16.45 Uhr, bis 18. Januar 2015

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