Meine Königin des Morgens

Im grünen Bereich

Beda Hanimann
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Meine beiden Artischockenpflanzen, das ist ein leidiges Thema, ich habe es schon einmal beklagt. Eher Kraut als Pflanzen, zwanzig Zentimeter nur, selbst nach einem Sommer wie diesem. Doch kürzlich traute ich meinen Augen nicht: Da war eines Morgens plötzlich eine dritte Pflanze mit im Topf, genau die gleichen Blätter. Nach wenigen Tagen hatte sie die Höhe der andern erreicht, ein paar weitere Tage später war sie doppelt so hoch.

Nun, so ganz gleich sind die Blätter halt doch nicht. Es ist wohl ein hundskommunes Wegrandunkraut, das sich da in Windeseile eingenistet hat. Ein richtiger Gartenturbo, bis zur letzten Konsequenz: grüne Knospenköpfe, wenn ich mich am Morgen mit meiner Lektüre in den Garten setze, nach einer Stunde hat sich der oberste geöffnet zu einer leuchtend gelben Blüte – und gegen Mittag ist die Pracht schon wieder vorbei.

Und mich amüsiert es, so unmittelbar mitzubekommen, wie Tempo und Geschwindigkeit in der Natur ein Thema sind. Jeden freien Tag freue ich mich auf eine neue Blüte, ich nenne das unbekannte Kraut meine Königin des Morgens. Die Artischocken, die beachte ich schon kaum noch – neben dem täglichen kleinen Naturfeuerwerk.

Beda Hanimann