«Mein Herz ist in Afrika»

Afrika David Livingstone war Missionar in Südafrika, bekämpfte die Sklaverei und erweiterte mit seinen Entdeckungen das Wissen über Süd- und Ostafrika. Heute feiert Schottland den 200. Geburtstag eines seiner grössten Söhne, der in der Nähe von Glasgow geboren worden ist. Martin Leuch

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David Livingstone, 1813 – 1873. (Bild: Ölporträt Malcolm Stewart, Glasgow Museum)

David Livingstone, 1813 – 1873. (Bild: Ölporträt Malcolm Stewart, Glasgow Museum)

Der Mann, der in seiner Heimat Schottland, längst zu einem Mythos geworden ist, stammt aus armem Hause. Deshalb musste David Livingstone, der am 19. März 1813 im Dorf Blantyre geboren wurde, schon im Alter von zehn Jahren in einer Baumwollspinnerei arbeiten. Der lernbegierige Knabe besuchte am Abend die Schule und las nebenbei Bücher. Mit einem Teil des Geldes, das er in der Baumwollspinnerei verdiente, finanzierte er sich später ein Medizinstudium. Im Auftrag der Londoner Missionsgesellschaft ging er darauf als junger Mann nach Südafrika.

Schon bald wurde Livingstone klar, dass seine Neigung, das südliche Afrika zu erforschen, grösser war als seine missionarischen Ambitionen. Er wollte den unmenschlichen Sklavenhandel durch einen «gerechten» Handel ersetzen. Doch auch Schwarze verschacherten andere Schwarze an Sklavenhändler. Livingstone schwebte deshalb vor, als Pionierprojekt in einer geeigneten Gegend im Inneren Afrikas eine britische Missions- und Handelsstation zu errichten. Der Anbau von Baumwolle, so dachte er, würde den Eingeborenen zu Einkünften und seinem Mutterland zu Rohstoffen verhelfen.

Entdecker der Victoriafälle

Zu diesem Zweck musste aber eine geeignete Route von der West- oder Ostküste ins Innere des Kontinents gefunden werden. Livingstone durchquerte als erster Weisser das südliche Afrika vom Atlantik zum Pazifik und stiess dabei auf die grandiosen Victoriafälle. Im Mai 1856 erreichte er den Indischen Ozean und kehrte nach England zurück. Sein im Jahre 1857 veröffentlichter Reisebericht «Reisen und Entdeckungen im südlichen Afrika» sowie seine zahlreichen Auftritte machten ihn in der Heimat berühmt.

Gescheiterte Expedition

Zwischen 1858 und 1864 erkundete er im Auftrag der britischen Regierung das Gebiet des Sambesi. Die Expeditionsteilnehmer sammelten Pflanzen, Tiere, Gesteine, Mineralien sowie Alltags- und Kultgegenstände. Livingstone suchte einen geeigneten Standort, um seine Vision einer Missions- und Handelsstation zu verwirklichen. Dieser Plan scheiterte, weil der Sambesi nur teilweise schiffbar war und sich der Alternativstandort am Malawisee als malariaverseucht erwies. Nach Grossbritannien zurückgekehrt, wurde Livingstone hart kritisiert. Nur die Museen, die Wissenschafter und die interessierte Öffentlichkeit waren zufrieden. «In jener Zeit bestand ein grosses Interesse daran, das Wissen über fremde Länder und Völker zu vermehren», sagt Sarah Worden, Kuratorin der Afrikasammlung des schottischen Nationalmuseums in Edinburgh, das zurzeit ihre Ausstellung über Livingstone zeigt.

Suche nach den Nilquellen

Auf seiner 1866 begonnenen dritten Reise war Livingstone endgültig zum fanatischen Entdecker geworden. Unter Wissenschaftern war ein heftiger Streit um die Frage entbrannt, ob der Victoriasee die Quelle des weissen Nils sei. Livingstone beabsichtigte, die Frage nach der Nilquelle endgültig zu klären. Er vermutete die Quelle weiter südlich. Weil Livingstone bald als verschollen galt, sandte der «New York Herald» den Journalisten Morton Stanley aus, um Livingstone zu suchen.

Stanley traf diesen im Jahre 1871 am Tanganjikasee. Livingstone hatte keine Vorräte mehr und war gesundheitlich angeschlagen. Die Begrüssungszeremonie zwischen den beiden Engländern sollte später zum Medienereignis in Grossbritannien werden: Stanley begrüsste seinen Landsmann mit der für einen Engländer typischen Förmlichkeit: «Mr. Livingstone, I suppose» (Herr Livingstone, nehme ich an).

Die Begrüssung entbehrte nicht einer gewissen Situationskomik, waren doch die beiden Herren vermutlich die einzigen Weissen im Umkreis von Hunderten von Kilometern. Livingstone kehrte nicht mit Stanley nach Grossbritannien zurück, sondern suchte weiter nach der Nilquelle. Er fand diese aber nicht und starb am 1. Mai 1873 am Bangweulusee.

«Mein Herz ist in Afrika!» soll sein beliebter Ausspruch gewesen sein: Livingstones beide afrikanischen Begleiter Susi und Chuma begruben deshalb sein Herz an Ort und Stelle. Den einbalsamierten Leichnam trugen sie über eine Distanz von rund 1600 Kilometern an die Küste des Indischen Ozeans. Livingstone fand seine letzte Ruhestätte in der Westminsterabtei in London.

www.nms.ac.uk

Ein Regenbogen über den herunterstürzenden Victoriafällen in Simbabwe, die David Livingstone auf seinen Reisen entdeckt hat. (Bild: ky/Christian Heeb)

Ein Regenbogen über den herunterstürzenden Victoriafällen in Simbabwe, die David Livingstone auf seinen Reisen entdeckt hat. (Bild: ky/Christian Heeb)

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