Mehr sexueller Missbrauch von Kindern übers Internet

Das Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich hat eine breit angelegte Studie publiziert, in der 6000 Jugendliche aus 9. Klassen in 22 Kantonen über sexuellen Missbrauch befragt worden sind.

Bruno Knellwolf
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Das Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich hat eine breit angelegte Studie publiziert, in der 6000 Jugendliche aus 9. Klassen in 22 Kantonen über sexuellen Missbrauch befragt worden sind.

Dabei zeigt sich, dass der Missbrauch von Jugendlichen in der Schweiz alarmierend weit verbreitet ist. Fast zwei von fünf Mädchen und einer von sechs Knaben waren bereits Opfer eines sexuellen Missbrauchs. Am meisten geschieht das heute digital, also körperlos.

Da stellt sich die Frage, wann man von einem Opfer sprechen kann. «Unsere Frage hiess: Wurdest Du jemals beim Chatten oder einer anderen Form der Internetkommunikation eindeutig sexuell angemacht oder belästigt?», sagt die Studienleiterin Meichun Mohler-Kuo. Zur Hauptsache spreche man von einem Missbrauch, wenn jemand gezwungen werde, sich nackt zu zeigen oder fotografieren zu lassen, dem Geschlechtsverkehr anderer beizuwohnen oder pornographisches Material anzuschauen, erklärt Mohler-Kuo.

Den heftigsten Missbrauch mit Penetration in vaginaler, oraler oder analer Form mussten 2,5 Prozent der Mädchen hinnehmen, bei den Knaben waren das 0,6 Prozent.

Die Schuld der neuen Medien

Ein Vergleich mit einer früheren Schweizer Studie zeige, dass Missbrauch mit Körperkontakt heute unverändert vorkomme, während jener in verbaler Form deutlich häufiger sei. Dieser Unterschied sei auf die neuen Medien zurückzuführen, sagt Mohler-Kuo.

Eine deutliche Mehrheit der Opfer wurde von jugendlichen Tätern missbraucht. Zudem kannten die meisten Opfer von körperlichem Missbrauch die Täter. Jugendliche verhielten sich untereinander gewalttätiger als früher, sagt dazu Ulrich Schnyder vom Universitätsspital Zürich. «Unsere Resultate unterscheiden sich auch deutlich von offiziellen Polizeiberichten, wonach Täter am häufigsten erwachsene, männliche Verwandte sind.» Das deute darauf hin, dass Missbräuche häufig nicht gemeldet werden. Nur etwa die Hälfte der weiblichen und weniger als ein Drittel der männlichen Opfer teilten den sexuellen Missbrauch jemandem mit.

147er-Erfahrung bestätigt

«Unsere Erfahrungen von der Notrufnummer 147 werden bestätigt, nämlich dass Jugendliche zunehmend mit digitalen Medien sexuell belästigt werden», sagt Urs Kiener, Jugendpsychologe bei Pro Juventute. «Dass relativ wenig Betroffene Unterstützung suchen, ist oft auf das Schamgefühl von Opfern zurückzuführen», sagt Kiener. Die enorme Vielfalt und vor allem die schnelle Zugänglichkeit von pornographischem Material sei sicher ein wesentlicher Grund für die höhere Zahl an Belästigungen übers Internet. «Was vor wenigen Jahren noch tabu war, ist heute alltäglich. Um Pornographie zu konsumieren, muss man nicht mehr ins Spezialgeschäft, und Altersbeschränkungen im Internet sind eine Farce.»