Mehr Bohnen braucht die Welt

Erbsen, Bohnen und Linsen können mehr als nur unseren Hunger am Mittagstisch stillen. Deshalb hat die UNO das Jahr 2016 zum Internationalen Jahr der Hülsenfrüchte ernannt. ETH-Professor Achim Walter erklärt, warum.

Bruno Knellwolf
Drucken
Teilen
Workers use combines to harvest soybeans in Tangara da Serra, State of Mato Grosso, Brazil, Tuesday, March 27, 2012. Brazil is the world's second largest soy producer after the United States and the crop is one of the nation's principal exports (AP Photo/Andre Penner) (Bild: Andre Penner (AP))

Workers use combines to harvest soybeans in Tangara da Serra, State of Mato Grosso, Brazil, Tuesday, March 27, 2012. Brazil is the world's second largest soy producer after the United States and the crop is one of the nation's principal exports (AP Photo/Andre Penner) (Bild: Andre Penner (AP))

Der Frühling naht, und schon bald schleppt der Hobbygärtner wieder sackweise Dünger aus der Landi nach Hause. Will er im Sommer und Herbst reichlich ernten, muss der Boden im Garten seinen Obstbäumen und Beeren genug Stickstoff anbieten. Stickstoff ist zwar nur eines von über einem Dutzend mineralischer Nährelementen, die Pflanzen für ihr Wachstum benötigen. Aber für die meisten Pflanzen das Wichtigste.

Stickstoff-Überdüngung

Der Stickstoff werde deshalb im Garten und vor allem in der Landwirtschaft in Form von Ammoniumnitrat oder ähnlichen mineralischen Verbindungen meist im Übermass dem Boden zugegeben, schreibt Achim Walter, Professor für Kulturpflanzenwissenschaften an der ETH Zürich.

Stickstoff-Überdüngung gilt aber als eine der grössten Umweltbedrohungen weltweit, wie der Biologe Manfred Niekisch im vergangenen Jahr in der «Süddeutschen Zeitung» erklärt hat. Gedüngte Felder bringen reiche Ernten – und verheeren die Umwelt mit Stickstoff. Das führe zu Artenarmut, und zudem schade reaktiver Stickstoff auch der menschlichen Gesundheit in Form von Nitrat und Nitrit in Lebensmitteln, erklärt der Professor für Internationalen Naturschutz an der Goethe-Universität in Frankfurt.

Nachhaltigkeit dank Bohnen

Doch was hat das mit dem Internationalen Jahr der Hülsenfrüchte der UNO zu tun? Einiges, denn die Hülsenfrüchte sind nicht wegen ihrer Schönheit und Anmut oder übermässigem Ertrag gekürt worden, sondern weil sie eine nachhaltigere Landwirtschaft mit schonender Intensivierung versprechen, wie Walter erklärt.

Dies, weil nahezu alle Hülsenfrüchte aus der Familie der Fabaceen eine Symbiose mit Bakterien eingehen, «die sie von der normalen, beschwerlichen Versorgung mit Stickstoff befreit», schreibt Walter im Zukunftsblog der ETH. Felder mit Hülsenfrüchten müssen also nicht mit einem übermässigen Eintrag an Stickstoff versehen werden. Die Schäden einer Überdüngung sind also nicht möglich.

Eine perfekte Symbiose

Doch was ist das für eine Symbiose? Dank der Zusammenarbeit mit Bakterien schaffen es die Hülsenfrüchte wie Bohnen, Erbsen und Linsen, andere Stickstoffquellen zu erschliessen: Molekularen Stickstoff (N2), der in der Luft in grossen Mengen vorhanden, aber für normale Pflanzen nicht verwertbar ist.

Die Bakterien können Stickstoff mit speziellen Enzymen in Ammonium umwandeln. Dafür verwachsen sie mit Wurzelzellen der Pflanzen und bilden dort kleine «Nodien» – Knöllchen von wenigen Millimetern Durchmesser, die zu Tausenden aus den Wurzeln herausragen. «So kommen die Nodien mit der Luft der Bodenporen in Kontakt, um N2 aufzunehmen. Nach der Umwandlung gelangt das nun verwertbare Ammonium in den Stoffwechsel der Pflanzen», schreibt Walter. Eine perfekte Symbiose, die Hülsenfrüchte erhalten Stickoxid, die Bakterien werden mit Kohlenstoff belohnt, den die Pflanze aus der Photosynthese abzweigt.

Asket oder Proteinspender

Die einträgliche Partnerschaft führt dazu, das die Familienmitglieder der Fabaceen an den unterschiedlichsten Orten gedeihen können: Als asketischer «Hungerkünstler» in den trockenen Wüsten der USA, wo sonst nur Kakteen überleben. «Andere Arten haben sich darauf spezialisiert, ihren Nachkommen möglichst viele Speicherstoffe in Form von Proteinen mitzugeben», hält Walter fest. Proteine sind aus Aminosäuren aufgebaut, die wiederum einen hohen Stickstoffanteil haben. «Hülsenfrüchte, die diese Strategie verfolgen, domestizierte der Mensch wegen ihrer proteinreichen Samen bereits früh in der Geschichte. Vor allem im heutigen Indien und China gibt es daher viele Arten und Sorten von Bohnen.»

Stickstoff bleibt im Boden

Potenzial sieht die UNO deshalb vor allem in der Bohne, den Körnerleguminosen, die mit ihrem Proteinreichtum das Zeug dazu haben, eine ausgewogene Ernährung mit weniger Fleischkonsum zu ermöglichen. «Ihr Anbau kann in der Regel ohne Zufuhr von mineralischem Stickstoff geschehen und ist daher per se mit weniger schädlichen Nebenwirkungen verbunden», schreibt Walter. Und weil nach der Ernte eine stickstoffreiche Wurzelstruktur als Humus im Boden bleibt und die Stickstoff-Reserven im Boden wenig beansprucht werden, ist die Bohne gut für Fruchtfolgen – auch die nächste Pflanze auf gleichem Boden hat etwas von der Zusammenarbeit zwischen Bohne und Bakterium. Der ETH-Professor wünscht sich deshalb den weltweiten Anbau von Bohne, Erbse, Soja, Lupine, Linse, Erdnuss und Klee.

Weltweit werden grossräumig, wie oben in Mato Grosso in Brasilien, Sojabohnen angebaut. Mit offenen Erbsenschoten (links) und roten Bohnen (rechts) ist eine ausgewogene Ernährung möglich. Die Nodien (Mitte) an den Wurzeln der Hülsenfrüchte kommen in Kontakt mit der Luft in Bodenporen und nehmen so Stickstoff aus der Luft auf. (Bild: ap/Andre Penner, colourbox)

Weltweit werden grossräumig, wie oben in Mato Grosso in Brasilien, Sojabohnen angebaut. Mit offenen Erbsenschoten (links) und roten Bohnen (rechts) ist eine ausgewogene Ernährung möglich. Die Nodien (Mitte) an den Wurzeln der Hülsenfrüchte kommen in Kontakt mit der Luft in Bodenporen und nehmen so Stickstoff aus der Luft auf. (Bild: ap/Andre Penner, colourbox)

Aktuelle Nachrichten