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MEDIZIN: Sterben Autopsien bald aus?

Verstorbene werden weltweit aus verschiedenen Gründen immer seltener obduziert. Den Toten macht das nichts aus, aber es kann den Lebenden schaden.
Lajos Schöne
Pathologen geht die Arbeit nicht aus, aber Autopsiesäle bleiben zunehmend ungenutzt. (Bild: Magali Girardin/Keystone (Genf, 23. Mai 2016))

Pathologen geht die Arbeit nicht aus, aber Autopsiesäle bleiben zunehmend ungenutzt. (Bild: Magali Girardin/Keystone (Genf, 23. Mai 2016))

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: <strong style="margin: 0px; padding: 0px; font-size: 18px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent; color: rgb(0, 120, 190);"><em style="margin: 0px; padding: 0px; font-size: 18px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent;">www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

Mediziner beschreiben die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Fachgebiete gelegentlich mit einem spöttischen Bonmot: «Der Chirurg kann alles und weiss nichts. Der Internist weiss alles und kann nichts. Der Psychiater weiss nichts und kann nichts. Der Pathologe weiss alles und kann alles, aber es nützt nichts.»

Das sind natürlich arg zugespitzte Unterstellungen, auch gegenüber Pathologen, in deren Aufgabengebiet die Untersuchung verstorbener Patienten fällt. Vertreter dieses Fachgebiets weisen mit Nachdruck auf die Notwendigkeit von Obduktionen hin. Die Nützlichkeit klinischer Sektionen sei letztlich für jeden Einzelnen erwiesen, betonen sie. Dennoch werden Verstorbene immer seltener obduziert.

Schweiz: Innert 20 Jahren 72 Prozent weniger

Die Häufigkeit so genannter klinisch-wissenschaftlicher Autopsien geht weltweit zurück. In der Schweiz betrug der Rückgang ­innerhalb von zwanzig Jahren ­ 72 Prozent – von über 8000 auf unter 3000 Obduktionen pro Jahr. Im Luzerner Kantonsspital fiel die Zahl von 245 im Jahr 2000 auf 81 im Jahr 2017.

«Diese Entwicklung wird von Pathologen seit Jahren mit grosser Besorgnis beobachtet», berichtete kürzlich eine Autorengruppe um Holger Moch vom ­Institut für Pathologie des Universitätsspitals Zürich im Fachblatt «Der Pathologe».

Die Gründe für den weltweiten Rückgang sind vielfältig. Die Zürcher Pathologen nennen unter anderem eine stark veränderte Einstellung in der Ärzteschaft, in welcher «vor allem auch die jüngeren Ärzte nicht mehr von der Notwendigkeit ­ der Autopsietätigkeit überzeugt sind». Mit den heutigen technischen Möglichkeiten der Labormedizin, der Molekularbiologie, der bildgebenden Untersuchungen und der Endoskopie schätzen viele in Kliniken tätigen Ärzte die Aussagekraft ihrer Diagnostik so hoch ein, dass ihnen eine nachträgliche Prüfung am toten Patienten unnötig erscheint.

Falsche Diagnose als Todesursache

Ein Trugschluss, betonen Pathologen und können sich auch auf Zahlen berufen. So ergab eine Analyse der obduzierten Patienten der Herzchirurgen am Herzzentrum Leipzig nur bei 66,2 Prozent eine Übereinstimmung ­zwischen den angenommenen Todesursachen und dem Ergebnis der Obduktion. Bei jedem zweiten Toten wurden von den Klinikärzten übersehene Begleiterkrankungen erst auf dem Seziertisch entdeckt.

Andererseits zeigte eine frühere Studie des Zürcher Universitätsspitals, dass zwischen 1972 und 2002 die Häufigkeit sogenannter «Diagnosediskrepanzen» in den Klassen I und II immerhin von 30 auf 7 Prozent zurückgegangen ist. Klasse I heisst, dass die richtige Diagnose vor dem Tod des Patienten sein Überleben hätte verlängern können oder dass die «richtige» Krankheit heilbar gewesen wäre.

Ein weiterer Grund für den Rückgang der Leichenöffnungen dürfte bei den Pathologen selbst liegen: Sie haben in den letzten Jahren so viele neue Aufgaben in der Diagnostik an Lebenden erhalten, dass manche von ihnen an der oft mühevollen und auch finanziell undankbaren Arbeit der Leichenöffnung nicht mehr so stark interessiert sind.

Das habe jedoch eindeutig negative Konsequenzen für die medizinische Wissenschaft, stellt Medizinethiker Dominik Gross fest. Der Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Uniklinik Aachen schreibt im pathologischen Fachjournal: «Die klinische Obduktion gilt als zentrale Erkenntnisquelle der Medizin. Sie dient der Feststellung des Krankheitsverlaufs bzw. der Todesursache(n) sowie der Qualitätssicherung der ärztlichen Diagnostik und Therapie.»

Rechtswissenschaftlerin Barbara Tag von der Uni Zürich pflichtet ihm bei: «Die klinische Obduktion unterstützt Lehre und Ausbildung, die Allgemeinheit profitiert durch die Weiterentwicklung der Medizin.»

Heikler Umgang mit Angehörigen

Allerdings sind auch die seziergeneigten Ärzte oft in einer denkbar ungünstigen Position: Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wenn die Angehörigen gerade die Todesnachricht erhalten haben, muss der Arzt sie fragen, ob sie mit einer inneren Leichenschau einverstanden seien. Viele drücken sich davor, vermutet der Würzburger Chirurg Nikolas Schlegel: «Neben ungenügender Erfahrung und fehlendem Training in der Kommunikation dürften auch Zeitmangel, wechselndes Personal sowie Hemmungen im Umgang mit dem Thema Obduktion eine Rolle spielen.» Rücksicht nehmen müssen die Pathologen natürlich auch auf ­religiöse Überlegungen.

Häufig meinen Angehörige, der Verstorbene habe so viel gelitten, dass man ihm nun nicht «auch das noch» zumuten wolle. Spuren einer Obduktion wären bei der Aufbahrung allerdings nicht erkennbar. Zudem könnten die durch eine Obduktion gewonnenen Erkenntnisse nicht nur für andere Patienten, sondern sogar für die Angehörigen selbst Folgen haben. Etwa dann, wenn eine bisher in der Familie unbekannte, möglicherweise vererbbare Erkrankung aufgedeckt wird.

Dennoch wird eine Obduktion oft aus Pietätsgründen abgelehnt. Pathologen sind indes keine Leichenfledderer. Medizinethiker Gross: «Die klinische Sektion ist der letzte ärztliche Dienst am Verstorbenen.»

Erstaunlich oft ist es übrigens mit der Pietät schnell vorbei, sobald Angehörigen finanzielle Leistungen in Aussicht stehen, zum Beispiel Versicherungs- oder Rentenansprüche aufgrund der Todesursache. Erfahrene Gerichtsmediziner berichten denn auch von Fällen, in denen Angehörige, die zuvor eine Obduktion rigoros ablehnten, in einer entsprechenden Situation sogar eine Exhumierung erbeten haben …

Tötungsdelikt statt natürlicher Tod

Nachdenklich muss auch stimmen, dass in einer Studie gerichtsmedizinischer Institute in Deutschland bei 13000 Obduktionen unter den angeblichen «natürlichen» Todesfällen zehn bis dahin nicht bekannte Tötungsdelikte erkannt wurden. Unter den Verstorbenen mit «unklarer Todesursache» fanden sich sogar nicht weniger als 35 von fremder Hand Getötete. Wenn es weniger Autopsien gibt, dient das womöglich also auch Mördern. (Mitarbeit: hag)

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